Kognitive Erholung nach einem Schlaganfall ▷ Studie

Verschiedene Therapieansätze können im Vergleich zur üblichen Versorgung die Erholung der kognitiven Leistungsfähigkeit von Schlaganfallbetroffenen deutlich fördern (Foto: Vitalii Vodolazskyi | Shutterstock)
In diesem Artikel:
- Meta-Analyse zu kognitiven Fähigkeiten nach einem Schlaganfall
- Ablauf der Studie
- Analyseergebnisse
- Zusammenfassung
- Bewertung der Studie
Das Wichtigste in Kürze:
Für alle, die gleich in die Tiefe gehen und mehr wissen möchten: Hier geht es zur ausführlichen Version des Artikels.Eine internationale Studie1 zeigte: Verschiedene Therapieansätze können im Vergleich zur üblichen Versorgung die Erholung der kognitiven Leistungsfähigkeit von Schlaganfallbetroffenen deutlich fördern.
Erfolgreich sind vor allem medikamentöse und alternative Behandlungen. Von den unterschiedlichen Therapiemöglichkeiten profitieren Betroffene verschiedener Altersgruppen mit unterschiedlichen Schlaganfallformen.
Besonders gute Ergebnisse zeigen sich etwa zwei bis sechs Monate nach dem Schlaganfall.
Die Meta-Analyse (Auswertung mehrerer Studien) liefert wichtige erste Hinweise. Um besser zu verstehen, welche Patientinnen und Patienten von welchen Behandlungsmethoden besonders profitieren, sind jedoch weitere Studien erforderlich.
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Meta-Analyse zu kognitiven Fähigkeiten nach einem Schlaganfall
Die geistige (kognitive) Leistungsfähigkeit beeinflusst, wie Betroffene sich nach einem Schlaganfall erholen. Mit einer schnellen Auffassungsgabe können auch andere Defizite effektiver trainiert werden, was eine Erholung erleichtert.
Ein internationales Forschungsteam untersuchte in einer zusammenfassenden statistischen Auswertung mehrerer Studien (Meta-Analyse), wie sich die kognitiven Fähigkeiten nach einem Schlaganfall kurz- und langfristig verändern, und identifizierte Faktoren, die diese Veränderungen beeinflussen.1
Darüber hinaus gingen die Forschenden der Frage nach, ob sich bestimmte Behandlungen zu verschiedenen Zeitpunkten in der Genesungsphase besonders eignen, um die kognitiven Leistungen zu verbessern.
Ablauf der Studie
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werteten Studien aus sechs verschiedenen Datenbanken aus:
- 43 Studien mit unterschiedlichen Behandlungsmethoden (Interventionen)
- 79 Gruppen von Studienteilnehmenden (Beobachtungskohorten)
- über 28.000 Schlaganfallpatienten und -patientinnen
Alle Studien untersuchten die Erholung der Hirnleistungsfähigkeit von Erwachsenen nach einem Schlaganfall.
Behandlungsarten
Die Art der Behandlung wurde in folgende Kategorien eingeteilt:
- pharmakologische Behandlung durch Medikamente, beispielsweise Blutdruck- oder Cholesterinsenker, Antidepressiva
- therapeutengeleitete strukturierte Behandlung, zum Beispiel physikalische Therapie
- Regelversorgung
- Alternative Therapien (zum Beispiel Robotertherapie, Farbtherapie, Einsatz von Videospielen)

Behandlungsansätze zur Förderung der Hirnleistungsfähigkeit nach einem Schlaganfall. Für die Auswertung der Studien wurden die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten in Kategorien eingeteilt: Regelversorgung (dazu zählt zum Beispiel die reguläre Akutbehandlung im Krankenhaus), pharmakologische Therapie mit blutdruck- und cholesterinsenkenden Medikamenten, therapeutengeleitete Behandlung (beispielsweise in Form von physikalischer Therapie) und alternative Therapieansätze (unter anderem durch den Einsatz von Videospielen).
Faktoren mit Einfluss auf die Hirnleistungsfähigkeit
Folgende Kriterien wurden als Faktoren, die die Hirnleistungsfähigkeit beeinflussen, bei der Auswertung berücksichtigt:
- Alter
- Erholungsstadium
- Ursache der kognitiven Beeinträchtigungen (Hirninfarkt, Hirnblutung)
- untersuchter Teilbereich der Gehirnfunktion (zum Beispiel ausführende Funktionen)
- Art der Behandlung
Die Verbesserungen betrafen folgende Bereiche:
- exekutive Funktionen, also die Fähigkeit, unser Verhalten zu planen, zu steuern und flexibel an neue Situationen anzupassen
- visuelle Wahrnehmung und Verarbeitung
- Bewusstsein
- Psychomotorik (Verbindung von psychischen Vorgängen mit Bewegung/Handlung)
Ergebnisse der Analyse
Die Denk- und Gedächtnisleistung verbesserte sich in Studien mit einer spezifischen Behandlung stärker als in Studien, in denen die Teilnehmenden nur beobachtet wurden und keine spezifische Behandlung erhielten.
Dieser Effekt war unabhängig von den berücksichtigten Einflussfaktoren wie Alter oder Art des Schlaganfalls.
Die besten Ergebnisse erzielten alternative Therapien und pharmakologische Behandlungen, gefolgt von therapeutengeleiteten Behandlungen. Am schlechtesten schnitt im Vergleich die Regelversorgung ab.
Die größten Verbesserungen zeigten sich in der Altersgruppe von 65 bis 70 Jahren, wobei auch die anderen Altersgruppen durchweg profitierten. Außerdem zeigten sich die größten Verbesserungen im Zeitraum von 2 bis 6 Monaten nach dem Schlaganfall.
Lag der Schlaganfall länger als 2 Jahre zurück, kam es in den Studien nur noch zu minimalen Verbesserungen.
Zusammenfassung und Schlussfolgerung
Eine nach einem Schlaganfall eingeschränkte Hirnleistung kann durch verschiedene Behandlungsmethoden verbessert werden.
Eine erfolgreiche Behandlung ist grundsätzlich in jedem Stadium möglich. Die besten Effekte werden aber innerhalb des ersten halben Jahres erreicht.
Der Einfluss verschiedener Behandlungen
Das größte Verbesserungspotenzial besteht der Analyse nach in der subakuten Phase, also zwei bis sechs Monate nach dem Schlaganfall. Liegt der Schlaganfall mehr als zwei Jahre zurück, fallen die Vorteile geringer aus.
Auch ohne spezifische Behandlung zeigen sich in Beobachtungsstudien leichte Verbesserungen der kognitiven Leistungen. Eine gezielte Therapie kann diese Erholung jedoch deutlich verstärken.
Die positiven Effekte bestehen unabhängig vom untersuchten Teilbereich der Gehirnfunktion (kognitive Domäne), der Schlaganfallart und der Altersgruppe.
Die Studien mit gezieltem Einsatz verschiedener Behandlungsmöglichkeiten (sogenannte Interventionsstudien) zeigten unterschiedliche Auswirkungen auf die Hirnleistungsfähigkeit zu verschiedenen Zeitpunkten im Genesungsprozess.
Zwei bis sechs Monate nach dem Schlaganfall verbesserten alternative Anwendungen die Erholung deutlich, während Arzneimittel einen mittleren Gesamteffekt erzielten.
Behandlungen, die frühestens 6 Monate nach dem Schlaganfall erfolgten, zeigten nur mittlere Behandlungseffekte. In diesem Erholungsstadium verbessern Medikamente und alternative Therapien nach wie vor die Kognition. Der Effekt einer Arzneimittelbehandlung war in diesem Stadium jedoch größer.
Zwei bis fünf Jahre nach dem Schlaganfall, dem spätesten untersuchten Stadium, hatten die unterschiedlichen Behandlungsmöglichkeiten im Schnitt keinen relevanten Einfluss mehr auf die Hirnleistungsfähigkeit.
Der Einfluss des Teilbereichs der Hirnfunktion (kognitive Domäne)
Am deutlichsten profitierten die exekutiven Funktionen des Gehirns von den verschiedenen Behandlungsmethoden. Auch in den Bereichen Bewusstsein, visuelle Wahrnehmung, psychomotorische Fähigkeiten und Gedächtnis zeigten sich Verbesserungen.
Dagegen fiel die Erholung bei den allgemeinen kognitiven Fähigkeiten, der Aufmerksamkeit, der Sprache und der Orientierung geringer aus.
Der Einfluss des Alters und der Schlaganfallart
Schlaganfall-Betroffene im Alter von 65 bis 70 Jahren schienen am meisten zu profitieren, wobei es auch in den anderen Altersgruppen zu Verbesserungen kam.
Im Alter von über 70 Jahren wurden vergleichsweise wenige Patienten untersucht, sodass hier die Ergebnisse weniger sicher sind.
Die Art des Schlaganfalls (Hirnblutung oder Hirninfarkt) hatte keinen wesentlichen Einfluss auf die Ergebnisse.
Bewertung der Studie
Die Analyse weist einige Einschränkungen auf, darunter:
- Die einzelnen eingeschlossenen Studien unterschieden sich stark voneinander, wurden jedoch zusammen analysiert. Inwiefern man daraus allgemeingültige Schlüsse ziehen kann, bleibt unklar.
- Auch die Qualität der eingeschlossenen Studien schwankte stark. Bei vielen ist das Risiko für Verzerrungen der Ergebnisse groß.
- Häufig erfolgte keine klare Unterscheidung zwischen den Daten von Studienteilnehmenden mit Hirninfarkt und Hirnblutung sowie erstem oder wiederholtem Schlaganfall.
Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass sich die Hirnleistungsfähigkeit nach einem Schlaganfall zumindest teilweise erholen kann. Verschiedene Behandlungsmethoden können diesen Prozess unterstützen. Besonders erfolgversprechend sind dabei Therapien, die innerhalb des ersten halben Jahres nach dem Schlaganfall beginnen.
In vielen der eingeschlossenen Studien wurde jedoch nicht zwischen unterschiedlichen Schlaganfallformen unterschieden. Daher lassen sich keine spezifischen Empfehlungen für einzelne Patientengruppen ableiten.
Damit liefert die zusammenfassende Analyse zwar wichtige Erkenntnisse dazu, was die geistige Erholung nach einem Schlaganfall in Abhängigkeit vom Erholungsstadium fördern kann. Sie liefert jedoch noch kein vollständiges Gesamtbild.
Um die Rolle der verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten genauer zu verstehen und den Zusammenhang zwischen der geistigen Erholung und der Leistungsfähigkeit im Alltag zu bestimmen, sind weitere Studien erforderlich.
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Autoren
Dipl.-Biol. Claudia Helbig unter Mitarbeit von Dr. med. Johannes Heinemann
Claudia Helbig ist Diplom-Human- und Molekularbiologin und hat zuvor eine Ausbildung zur Arzthelferin absolviert. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Medizinischen Biochemie und Molekularbiologie hat sie Medizinstudenten in Pathobiochemie-Seminaren und Praktika betreut. Nach Ihrer Arbeit in der pharmazeutischen Forschung hat sie in einem Auftragsforschungsinstitut für klinische Studien unter anderem Visiten mit Studienteilnehmern zur Erhebung von Studiendaten durchgeführt und Texte für die Website verfasst. Mit ihrem interdisziplinären Hintergrund und ihrer Leidenschaft zu schreiben möchte sie naturwissenschaftliche Inhalte fachlich fundiert, empathisch und verständlich an Interessierte vermitteln. [mehr]
Quellen
- Cognitive Recovery After Stroke: A Meta-analysis and Metaregression of Intervention and Cohort Studies - Autoren: Juan Pablo Saa, Tamara Tse, Carolyn M. Baum, Toby Cumming, Naomi Josman, Miranda Rose, Sophie O’Keefe, Katherine Sewell, Vinh Nguyen, Leeanne M. Carey - Publikation: Neurorehabilitation and Neural Repair; 2021 Jul; 35(7):585-600 - DOI: 10.1177/15459683211017501

