Lipoprotein(a) - Nur einmal im Leben bestimmen? ▷ Studie

Nach Empfehlung aktueller Leitlinien sollte jede Person ihren Lipoprotein-(a)-Wert einmal bestimmen lassen (Foto: Pickadook | Shutterstock)
Das Wichtigste in Kürze:
Für alle, die gleich in die Tiefe gehen und mehr wissen möchten: Hier geht es zur ausführlichen Version des Artikels.Lipoprotein (a) ist ein eigenständiger und unabhängiger Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Nach Empfehlung aktueller Leitlinien1 sollte jede Person ihren Lipoprotein-(a)-Wert einmal bestimmen lassen.
Die Studie2 eines deutschen Forschungsteams deutet darauf hin, dass dieser Laborwert möglicherweise künftig häufiger ermittelt werden sollte. Denn der Lp(a)-Spiegel kann sich im Laufe des Lebens stärker verändern als aufgrund des starken genetischen Einflusses bisher angenommen.
Laut der Studie ist eine Schwankungsbreite des Lipoprotein (a) von mehr als 10 Prozent bei mehrfacher Messung in zeitlichen Abständen möglich. Dadurch kommt es in einigen Fällen zu einem Wechsel von einer niedrigeren in eine höhere Risikokategorie (mit der Folge eines höheren Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen).
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Studie stellt bisherige Empfehlungen zur Diskussion
Aktuelle Leitlinien1 empfehlen, Lipoprotein (a) einmal im Leben bestimmen zu lassen.
Die regelmäßige Bestimmung war bislang nicht erforderlich, da dieser Laborwert zu einem großen Teil durch nicht veränderbare genetische Veranlagung beeinflusst wird.
Ein Team deutscher Forschender untersuchte, wie variabel die Lp(a)-Werte zu verschiedenen Zeitpunkten bei ein und derselben Person im klinischen Versorgungsalltag sein können. Und es wurde geprüft, ob tatsächlich eine einzige Lipoprotein-(a)-Messung ausreicht, um mögliche Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zuverlässig zu erkennen.2
Ablauf der Studie
Für die Studie wertete das Forschungsteam die Lipoprotein-(a)-Werte von 992 ambulanten Patientinnen und Patienten eines deutschen Universitätsklinikums in Herne aus. Dabei wurden nur Personen berücksichtigt, von denen mindestens zwei Lp(a)-Messwerte aus einem Zeitraum von 48 Monaten vorlagen.
Patienten, die sich verschiedenen Behandlungen zur Senkung von Lipoproteinen unterzogen, waren von der Studie ausgeschlossen. Die Lp(a)-Werte aller Studienteilnehmenden wurden gemittelt.
Die Schwankungsbreite der Lp(a)-Werte einer Person (intraindividuelle Variabilität) wurde berechnet und die Lp(a)-Werte in Risikokategorien eingeteilt.
Risikokategorien
Die Risikokategorien folgten den von den Fachgesellschaften festgelegten Schwellenwerten:
- Normwerte: < 70 nmol/L
- grenzwertige Lp(a)-Konzentrationen: 70-125 nmol/L
- erhöhte Lp(a)-Konzentrationen: > 125 nmol/L
Eine Abweichung der Werte von über 25 nmol/L beziehungsweise 25 Prozent galt als hoch.
Berechnungsformel
Formel zur Berechnung der Lp(a)-Schwankungsbreite bei einer Person:
Intraindividuelle Variabilität = Standardabweichung/Mittelwert * 100
Ergebnisse der Studie
Durchschnittlich lagen drei Lp(a)-Messwerte für die 992 Studienteilnehmenden vor. Das Durchschnittsalter lag bei 59 Jahren.
Die Nachbeobachtungszeit betrug im Mittel 13 Monate und zwischen den einzelnen Lp(a)-Bestimmungen lagen durchschnittlich 6 Monate.
Erkrankungen
Die Patienten gaben an, unter folgenden Erkrankungen zu leiden:
- Bluthochdruck, etwa 60 Prozent
- Diabetes mellitus, etwa 20 Prozent
- Krankhafte Verengung der Herzkranzgefäße, die den Herzmuskel mit Sauerstoff versorgen (Koronare Herzkrankheit), etwa 38 Prozent
Zu Studienbeginn lagen 17,3 Prozent der Studienteilnehmenden mit ihren Lp(a)-Werten unterhalb der Nachweisgrenze. 2,4 Prozent von ihnen entwickelten im Studienverlauf messbare Konzentrationen, während 14,9 Prozent auch weiterhin unterhalb der Nachweisgrenze blieben.
Verteilung der Lp(a)-Werte
Die Lp(a)-Werte der Studienteilnehmenden verteilten sich wie folgt auf die Risikokategorien:
- normale Lp(a)-Werte: 56,7 Prozent
- grenzwertige Lp(a)-Konzentrationen: 6,7 Prozent
- erhöhte Lp(a)-Konzentrationen: 36,7 Prozent
Die absolute Abweichung des Lp(a)-Wertes war bei Patienten mit erhöhten Ausgangswerten (im Mittel betrug die Abweichung 31,0 nmol/L) am größten. Danach folgten Patienten mit grenzwertigen Konzentrationen (Abweichung im Mittel 20,2 nmol/L) und normalen Werten (Abweichung im Mittel 4,7 nmol/L).
Bei der relativen Abweichung des Lp(a)-Wertes verhielt es sich anders: Patienten mit grenzwertigen Lp(a)-Werten wichen mit 19,8 Prozent am stärksten ab, gefolgt von Patienten mit normalen Lp(a)-Werten (relative Abweichung 19,7 Prozent) und erhöhten Lp(a)-Werten (relative Abweichung 14,2 Prozent).
Wechsel der Risikokategorie
Insgesamt 11,3 Prozent der Studienteilnehmenden wechselten zwischen den Messungen die Risikokategorie:
- 3,2 Prozent wechselten aus der normalen Risikokategorie in die grenzwertige.
- 3,0 Prozent wechselten aus der grenzwertigen in die hohe Risikokategorie.
- 0,7 Prozent änderten die Risikokategorie sogar von niedrig zu hoch.
Die durchschnittliche absolute Änderung des Lp(a)-Wertes betrug 8,7 nmol/L, die durchschnittliche relative Änderung 14,4 Prozent. Die mittlere Schwankungsbreite der Lp(a)-Werte einer Person lag bei 16,3 Prozent.
Zusammenfassung und Schlussfolgerung
Die Erkenntnisse der Studie deuten darauf hin, dass der Herz-Kreislauf-Risikofaktor Lipoprotein (a) einer einzelnen Person einer größeren Schwankungsbreite unterliegt, als bislang angenommen.
Konkret bedeutet das: Entgegen den bisherigen Einschätzungen kann sich der Lp(a)-Wert eines Menschen trotz der hohen genetischen Komponente im Verlauf seines Lebens so stark ändern, dass ein Wechsel der Risikokategorie erfolgt (in der Regel in eine höhere Risikokategorie).
Daraus folgt: Das Risiko einer Person, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu entwickeln, ist aufgrund des steigenden Lp(a)-Wertes erhöht.
Für den Praxis-Alltag haben diese neuen Erkenntnisse weitreichende Folgen: Die verschiedenen relevanten Leitlinien empfehlen nach aktuellem Stand üblicherweise die einmalige Messung von Lipoprotein (a).
Bislang gingen Wissenschaftler von einer Abweichung mehrfach bestimmter Lp(a)-Werte um deutlich unter 10 Prozent aus. Die Studie zeigt jedoch, dass die Werte bei mehrfacher Bestimmung des Lipoprotein (a) nach mehreren Monaten über mehr als 10 Prozent voneinander abweichen können.
Die Ergebnisse der hier diskutierten Studie legen daher nahe, dass eine häufigere Bestimmung dieses Laborwertes zu empfehlen sein könnte und die entsprechenden Leitlinien künftig angepasst werden müssen.
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Autoren
Dipl.-Biol. Claudia Helbig unter Mitarbeit von Prof. Dr. med. Hans Joachim von Büdingen
Claudia Helbig ist Diplom-Human- und Molekularbiologin und hat zuvor eine Ausbildung zur Arzthelferin absolviert. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Medizinischen Biochemie und Molekularbiologie hat sie Medizinstudenten in Pathobiochemie-Seminaren und Praktika betreut. Nach Ihrer Arbeit in der pharmazeutischen Forschung hat sie in einem Auftragsforschungsinstitut für klinische Studien unter anderem Visiten mit Studienteilnehmern zur Erhebung von Studiendaten durchgeführt und Texte für die Website verfasst. Mit ihrem interdisziplinären Hintergrund und ihrer Leidenschaft zu schreiben möchte sie naturwissenschaftliche Inhalte fachlich fundiert, empathisch und verständlich an Interessierte vermitteln. [mehr]
Quellen
- 2019 ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias: lipid modification to reduce cardiovascular risk - Autoren: François Mach, Colin Baigent; Alberico L. Catapano, Konstantinos C. Koskinas, Manuela Casula et al. - Publikation: Eur Heat J 41(1):111-188, 2020 - DOI: 10.1093/eurheartj/ehz455
- Intraindividual Lp(a)-Variability in a Real-World Setting - Autoren: Maximilian Seidel, Kamil Rosiewicz, Felix S. Seibert, Moritz Anft, Ulrik Stervbo, Sebastian Bertram, Benjamin Sasko, Christian Ukena, Nina Babel, Timm H. Westhoff - Publikation: JACC: Advances; 2026 Mar; 5(3):102601 - DOI: 10.1016/j.jacadv.2026.102601

