Nahrungsfette-Qualität und Herz-Kreislauf-Erkrankungen ▷ Studie

Unsere Nahrung enthält gesättigte und ungesättigte Fettsäuren (Foto: alinabuphoto | Shutterstock)
In diesem Artikel:
- Gesättigte statt ungesättigte Fettsäuren: neues Bewertungssystem zur Auswirkung auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- Entwicklung des Bewertungssystems mit Lipidomik-Daten
- Bewertungsergebnisse
- Zusammenfassung und Fazit
- Einschätzung des Bewertungssystems
Das Wichtigste in Kürze:
Für alle, die gleich in die Tiefe gehen und mehr wissen möchten: Hier geht es zur ausführlichen Version des Artikels.Mit dem sogenannten Multi-Lipid-Score (MLS) wurde ein Bewertungssystem entwickelt, das zur Einschätzung des Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes basierend auf dem umfangreichen Fettprofil einer Person geeignet ist.
Der Ersatz von gesättigten durch ungesättigte Fettsäuren in der Ernährung führt zu einem Anstieg des MLS und zur Abnahme ungünstiger Fette.
Ein hoher MLS-Wert steht mit einem deutlich reduzierten Risiko für Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, insbesondere dem Schlaganfall, in Zusammenhang.
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Gesättigte statt ungesättigte Fettsäuren: neues Bewertungssystem zur Auswirkung auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen empfehlen aktuelle Leitlinien, die Aufnahme ungesättigter Fettsäuren zu erhöhen. Gleichzeitig wird empfohlen, den Anteil gesättigter Fette in der Ernährung zu reduzieren.1
Ein internationales Team von Forschenden entwickelte nun ein Bewertungssystem, um die Auswirkungen des Austausches von gesättigten durch ungesättigte Fettsäuren zu untersuchen.2
Entwicklung des Bewertungssystems mit Lipidomik-Daten
Die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen verwendeten Lipidomik-Daten zur Erstellung des Bewertungssystems.
Was ist Lipidomik?
Lipidomik ist ein wissenschaftlicher Forschungsbereich, der sich mit der umfassenden Analyse der Fette (Lipide) einer Zelle oder eines gesamten Organismus wie beispielsweise des Menschen auseinandersetzt.
Die Fette übernehmen im Organismus vielfältige Aufgaben, darunter Strukturgebung und Stoffwechselregulation (als Botenstoffe).
Fette beziehungsweise deren Zusammensetzung im Organismus ändern sich permanent und werden von Faktoren wie der Ernährung beeinflusst. Veränderungen in ihrer Struktur oder Funktion können Stoffwechselstörungen, Krebserkrankungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen auslösen.
Aus diesem Grund ist die Lipidomik ein wichtiges Forschungsfeld, das es ermöglicht, die Diagnose von Stoffwechselstörungen zu verbessern und die Entwicklung neuer, möglichst personalisierter Behandlungsmöglichkeiten zu fördern.3
Die Daten zur Entwicklung des Bewertungssystems stammten aus einer 16-wöchigen Ernährungsstudie (DIVAS-Studie).
In dieser Studie ernährte sich ein Teil der Studienteilnehmenden nach bestimmten Vorgaben mit einem großen Anteil pflanzlicher ungesättigter Fettsäuren (Ernährungsintervention).
Hierbei wurden 8 Prozent der zuvor verzehrten gesättigten Fette durch ungesättigte Fette ersetzt.
Der andere Teil der Studienteilnehmenden stellte seine Ernährung mit einem hohen Anteil gesättigter Fettsäuren nicht um und diente als Vergleichsgruppe (Kontrolle).
Bei beiden Gruppen stammten 36 Prozent der über die Ernährung aufgenommenen Gesamtenergie aus Fetten.
Die Studienteilnehmenden wurden den jeweiligen Gruppen nach dem Zufallsprinzip zugeteilt (Randomisation). Eine solche Studie wird daher als randomisierte, kontrollierte Ernährungsinterventionsstudie bezeichnet.
Multi-Lipid-Score (MLS)
Um die Auswirkung des Austausches von gesättigten durch ungesättigte Fettsäuren zu untersuchen, wurden die Konzentrationen von 45 Stoffwechselprodukten des Fettstoffwechsels bestimmt.
Das Bewertungssystem wird als Multi-Lipid-Score (MLS) bezeichnet. Ein höherer Score-Wert spiegelt den Effekt des Ersatzes von gesättigten durch pflanzliche ungesättigte Fettsäuren wider.
Verknüpfung des MLS-Wertes mit der Entwicklung von Krankheiten
Anhand der EPIC-Studie, einer großen europäischen Bevölkerungsstudie, zeigten die Forschenden Zusammenhänge zwischen dem MLS-Wert und der Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Stoffwechselerkrankungen wie dem Diabetes mellitus Typ 2 auf.
Überprüfung des Bewertungssystems
Die Effekte aus der DIVAS-Studie wurden teilweise anhand einer weiteren 8-wöchigen Studie, der LIPOGAIN2-Studie, überprüft.
Entwicklung eines vereinfachten Bewertungssystems
Weil nicht in allen Studien dieselben Messverfahren zur Verfügung standen, entwickelten die Forschenden eine reduzierte Version des MLS, den sogenannten reduced Multi-Lipid-Score (rMLS). Dieser ist eng an das ursprüngliche Bewertungssystem angelehnt und basiert auf 42 Lipid-Variablen.
Auswertung weiterer Studien mit dem vereinfachten Bewertungssystem
Die Auswertung weiterer Studien, wie der Nurses’ Health Study I und II (Gesundheitsstudien mit Krankenschwestern) und der PREDIMED-Studie dienten dazu,
- Zusammenhänge zwischen der Ernährung und der Entstehung von Krankheiten zu erforschen.
- zu überprüfen, wie ein 10-jähriger Anstieg der rMLS-Werte, der auf eine verbesserte Qualität der Nahrungsfette hindeutet, mit dem späteren Risiko für Typ-2-Diabetes in Verbindung steht.
- herauszufinden, ob Personen mit ungünstigen Score-Werten vor der Ernährungsumstellung stärker von einer mediterranen Ernährung profitieren und diese nachweislich das Risiko für Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen beeinflussen kann.
Ergebnisse der Bewertung
DIVAS Studie
Der Ersatz von gesättigten durch ungesättigte Fettsäuren führte in der DIVAS Studie zu einer deutlichen Reduktion der 45 gemessenen Fettsäuren.
Zudem ergab sich ein schwacher umgekehrter Zusammenhang zwischen dem MLS-Wert und dem Alter, Body-Mass-Index, Taillenumfang und Blutdruck der Studienteilnehmenden.
Ein höherer Multi-Lipid-Score spiegelte die vermehrte Aufnahme von ungesättigten Fettsäuren wider.
Der MLS war in der Gruppe der Studienteilnehmenden, die 8 Prozent der zuvor aufgenommenen gesättigten Fettsäuren durch die Aufnahme ungesättigter Fettsäuren ersetzten, deutlich höher als in der Kontrollgruppe, die sich mit einem hohen Anteil gesättigter Fettsäuren ernährte.
Die Ernährungsumstellung beeinflusste die Nicht-HDL-Cholesterinwerte (also die Gesamtheit der schlechten, gefäßschädigenden Cholesterinarten) im Blut der Studienteilnehmenden.
EPIC-Studie
Studienteilnehmende der EPIC-Studie hatten ein um 32 Prozent niedrigeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wenn sich ihr MLS-Wert durch den Ersatz der gesättigten durch die ungesättigten Fettsäuren verbesserte.
Das Risiko, einen Typ-2-Diabetes mellitus zu entwickeln, wurde durch die Ernährungsumstellung um 26 Prozent gesenkt.
Die Auswirkungen der Ernährungsumstellung auf das Nicht-HDL-Cholesterin senkten das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 5 Prozent. Auch das Risiko für einen neu aufgetretenen Typ-2-Diabetes konnte um 5 Prozent gesenkt werden.
Schlaganfall-Fall-Kontroll-Studie
Eine Schlaganfall-Fall-Kontroll-Studie mit 1.094 Frauen, die auf den Daten der NHS I und II Studien beruhte, ergab Folgendes:
- Das Schlaganfallrisiko von Frauen mit höheren rMLS-Werten war um 10 Prozent niedriger als das von Frauen der Kontrollgruppe.
- Der Zusammenhang wurde jedoch nach Berücksichtigung weiterer Faktoren wie dem Body-Mass-Index (BMI) und der Ernährungsqualität abgeschwächt und war dadurch nicht mehr statistisch eindeutig.
- Dennoch zeigte die EPIC-Podsdam-Studie ebenfalls die Tendenz zur Senkung des Schlaganfallrisikos durch höhere rMLS-Werte: Das Risiko war hier um 18 Prozent niedriger.
Fall-Kontroll-Studie zum Typ-2-Diabetes
Eine Fall-Kontroll-Studie zum Typ-2-Diabetes anhand der NHS-Daten zeigte:
- Höhere rMLS-Werte gingen mit einem um 28 Prozent niedrigeren Risiko für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes her.
- Auch die Berücksichtigung weiterer Faktoren wie dem BMI, der Ernährungsqualität und dem Raucherstatus hatte keinen Einfluss auf dieses Ergebnis.
- Die Risikoabschätzung der EPIC-Podsdam Studie kam zu vergleichbaren Ergebnissen.
Diabetes-Fall-Kontroll-Studie mit 244 Fällen
Eine Diabetes-Fall-Kontroll-Studie mit 244 Fällen und ebenso vielen Kontrollen, basierend auf der NHS-Studie, zeigte, dass ein Anstieg des rMLS über 10 Jahre das Risiko, einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln, um 24 Prozent senkte.
PREDIMED-Studie
Die PREDIMED-Studie zeigte: Studienteilnehmende, die vor der Umstellung auf eine Mittelmeerdiät niedrige rMLS-Werte hatten (also eine ungünstige Fettqualität bevorzugten), hatten nach der Umstellung ein um 42 Prozent niedrigeres Risiko für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes.
Diese Risikoreduktion wurde bei Studienteilnehmenden mit günstigen rLMS-Werten nicht beobachtet.
Zusammenfassung und Fazit
Das lipidomikbasierte Bewertungssystem Multi-Lipid-Score spiegelt den Ersatz von gesättigten durch ungesättigte Fettsäuren in der Ernährung wider.
Ein hoher MLS-Wert ist mit einem deutlich geringeren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes verbunden.
Insbesondere Menschen, die überwiegend gesättigte Fettsäuren über die Ernährung aufnehmen oder unter einer Fettstoffwechselstörung leiden, können durch eine Umstellung auf Mittelmeerkost über 10 Jahre ihren rMLS-Wert erhöhen und so das Risiko für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes senken.
Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Erwachsenen, nicht mehr als 10 Prozent der Gesamtenergie aus gesättigten Fetten zu beziehen und darüber hinaus gesättigte Fettsäuren durch mehrfach und einfach ungesättigte Fettsäuren aus pflanzlichen Quellen zu ersetzen.
Die hier zusammengefasste Studie bestätigt die Vorteile dieser Empfehlung und zeigt, dass sich das Risiko für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutlich durch einen Ersatz von gesättigten durch ungesättigte Fettsäuren senken lässt.
Einschätzung des Bewertungssystems
Die Studie weist einige Einschränkungen auf:
- Es wurden keine unabhängigen Studien durchgeführt, um den Einfluss aller Stoffwechselprodukte zu bestätigen oder Schwellenwerte festzulegen. Alle Ergebnisse beruhen auf den Daten vorhandener Studien.
- Die Kosteneffektivität des Bewertungssystems zur Einschätzung des Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes anhand von Lipidomik-Daten wurde nicht bewertet. Um zukünftig solche Biomarker-Anwendungen der breiten Masse zugänglich machen zu können, muss das Kosten-Nutzen-Verhältnis jedoch stimmen.
- Die Anwendung des Lipidomic-Scores zur Steuerung der Vorbeugung von Ernährungsrisiken muss noch eingehend in weiteren Studien untersucht werden.
- Die Studienteilnehmenden waren überwiegend europäischer Abstammung. Eine Anwendbarkeit des Scores auf Menschen nicht-europäischer Herkunft muss jedoch noch belegt werden.
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Die Zeit nach der Klinik ist für Angehörige oft die größte Herausforderung. Unser Online-Kurs führt Sie in 13 kompakten Modulen durch die Zeit danach. Der Kurs ist ein kostenfreies Angebot gesetzlicher Krankenkassen nach § 45 SGB XI.
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Autoren
Dipl.-Biol. Claudia Helbig unter Mitarbeit von Dr. med. Mark Dankhoff
Claudia Helbig ist Diplom-Human- und Molekularbiologin und hat zuvor eine Ausbildung zur Arzthelferin absolviert. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Medizinischen Biochemie und Molekularbiologie hat sie Medizinstudenten in Pathobiochemie-Seminaren und Praktika betreut. Nach Ihrer Arbeit in der pharmazeutischen Forschung hat sie in einem Auftragsforschungsinstitut für klinische Studien unter anderem Visiten mit Studienteilnehmern zur Erhebung von Studiendaten durchgeführt und Texte für die Website verfasst. Mit ihrem interdisziplinären Hintergrund und ihrer Leidenschaft zu schreiben möchte sie naturwissenschaftliche Inhalte fachlich fundiert, empathisch und verständlich an Interessierte vermitteln. [mehr]
Quellen
- ESC Pocket Guidelines. Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Version 2021. - Autoren: Stephan Gielen, Wolfgang Koenig, Ulf Landmesser, Rona Reibis, Joachim Weil, Harm Wienbergen - Publikation:: Börm Bruckmeier Verlag GmbH, Grünwald - ISBN: 978-3-89862-334-6
- Lipidome changes due to improved dietary fat quality inform cardiometabolic risk reduction and precision nutrition - Autoren: Fabian Eichelmann, Marcela Prada, Laury Sellem, Kim G. Jackson, Jordi Salas Salvadó, Cristina Razquin Burillo, Ramon Estruch, Michael Friedén, Frederik Rosqvist, Ulf Risérus, Kathryn M. Rexrode, Marta Guasch-Ferré, Qi Sun, Walter C. Willett, Miguel Angel Martinez-Gonzalez, Julie A. Lovegrove, Frank B. Hu, Matthias B. Schulze, Clemens Wittenbecher - Publikation: Nat. Med.; 2024 Oct.; 30(10):2867-2877 - DOI: 10.1038/s41591-024-03124-1
- Why Lipidomics is so important; Avanti Research; (erstellt am 05.03.2020; abgerufen am 18.02.2026) - URL: https://www.avantiresearch.com/en-gb/news/lnp-applications/why-lipidomics-is-so-important

