Vojta-Therapie in der Neurologie ▷ Schlaganfallfolgen behandeln

Bei der Vojta-Therapie werden bestimmte Körperzonen gezielt stimuliert, die angeborene Bewegungsmuster wie Reflexumdrehen und Reflexkriechen aktivieren.
In diesem Artikel:
- Was ist die Vojta-Therapie?
- Das therapeutische Prinzip
- Wie Bewegungsmuster entstehen
- Ausbildung der Therapeuten
- Vojta-Therapie: Ziele und Nutzen
- Zur Geschichte der Vojta-Therapie
Das Wichtigste in Kürze:
Für alle, die gleich in die Tiefe gehen und mehr wissen möchten: Hier geht es zur ausführlichen Version des Artikels.Die Vojta-Therapie ist eine Form der Physiotherapie. Sie wurde vom Neurologen Professor Dr. Václav Vojta entwickelt und ist als neurophysiologische Behandlung bei Erkrankungen des zentralen Nervensystems etabliert.
Bei der Vojta-Therapie werden bestimmte Körperzonen gezielt stimuliert, die angeborene Bewegungsmuster wie Reflexumdrehen und Reflexkriechen aktivieren.
Durch eine regelmäßige Anwendung werden die Teilmuster im Zentralnervensystem „gebahnt", sodass der aktivierte Zustand über die Behandlung hinaus anhält und die Spontanbewegungen nachhaltig positiv beeinflusst werden.
Das Ziel der Therapie ist es, den Zugang zu den automatischen, globalen Bewegungsmustern wiederherzustellen.
Nach einem Schlaganfall fehlt dem zentralen Nervensystem Zugriff auf die gespeicherten Bewegungsprogramme. Die Vojta-Therapie spricht das zentrale Nervensystem direkt an, um die angeborenen motorischen Fähigkeiten zu reaktivieren.
Dadurch und durch die Kombinierbarkeit mit anderen Therapieformen, eignet sich die Vojta-Therapie ausgezeichnet zur Behandlung von Schlaganfallfolgen.
Die Zeit nach der Klinik ist für Angehörige oft die größte Herausforderung. Unser Online-Kurs führt Sie in 13 kompakten Modulen durch die Zeit danach. Der Kurs ist ein kostenfreies Angebot gesetzlicher Krankenkassen nach § 45 SGB XI.
Physiotherapie auf neurophysiologischer Basis ist ein spezieller Ansatz dieser Behandlungsform, die das Nervensystem in den Mittelpunkt stellt.
Das Wissen um unsere Bewegung als Ergebnis neurologischer Steuerung wird speziell genutzt, um Körperfunktionen wiederherzustellen oder zu verbessern, die durch ein neurologisches Ereignis geschädigt wurden.
Was ist die Vojta-Therapie?
Bei der Vojta-Therapie übt der Therapeut oder die Therapeutin bei Patienten, die sich in Bauch-, Rücken- oder Seitenlage befinden, gezielten Druck auf bestimmte Körperzonen aus.
Diese Reize führen automatisch und ohne eigenen Willen zu einer koordinierten, rhythmischen Aktivierung der gesamten Skelettmuskulatur sowie zur Ansprache unterschiedlicher Schaltungsebenen des zentralen Nervensystems.
Diese sogenannten Ganzkörper-Reaktionen erfassen in ihren einzelnen Teilen sämtliche Bausteine der motorischen Entwicklung des Menschen bis hin zum freien Laufen.
So können „festgefahrene“ oder blockierte Bewegungsmuster im Gehirn wieder freigeschaltet werden.
Durch eine regelmäßige Anwendung der Vojta-Therapie werden die Teilmuster im Zentralnervensystem „gebahnt", sodass der aktivierte Zustand über die Behandlung hinaus anhält und die Spontanbewegungen nachhaltig positiv beeinflusst werden.
Das therapeutische Prinzip
Das Prinzip der Vojta-Therapie basiert auf der gezielten Stimulation bestimmter Körperzonen, die angeborene Bewegungsmuster wie Reflexumdrehen und Reflexkriechen aktivieren. Das Reflexumdrehen wird in Rücken- und Seitenlage ausgelöst, das Reflexkriechen in Bauchlage.
Diese sogenannten Lokomotionskomplexe sind Gesamtkörpermuster und unterstützen die Entwicklung der Rumpfkontrolle, der Koordination, der Aufrichtung und der zielgerichteten Bewegungsabläufe.
Diese Eigenschaften sind für die späteren, komplexen Bewegungen wie Sitzen, Stehen, Gehen oder Greifen notwendig.
Im Mittelpunkt dieser reflektorischen Aktivierung steht nicht der einzelne Muskel, sondern das Nervensystem, das die Koordination der gesamten Muskulatur sowie einen harmonischen und zielgerichteten Bewegungsablauf gewährleistet.
Die aktivierten Muster sind im zentralen Nervensystem verankert und bilden die neurophysiologische Basis, um gestörte Bewegungsfunktionen zu rehabilitieren und physiologischere Bewegungsabläufe wiederherzustellen.
Die Therapie kann, je nach Ausgangsstellung (Rückenlage, Seitenlage, Bauchlage), individuell angepasst und verantwortungsvoll auf die Bedürfnisse der Patientinnen und Patienten abgestimmt werden.
Wie Bewegungsmuster entstehen
Unsere spontanen, automatischen Bewegungen wie Stützen, Greifen oder die ersten Schritte sind keine Zufallsprodukte.
Schon im ersten Lebensjahr etablieren sich angelegte Bewegungsmuster, die im Erwachsenenalter weiterhin genutzt werden. Sie bilden die Basis für Gleichgewicht, Stabilität, Gewichtsverlagerung und Koordination.
Bewegungen wie Stützen, Greifen, Drehen, Aufrichten und Gehen folgen angelegten motorischen Programmen. Sie entstehen nicht allein durch Übung.
Dieses Wissen macht sich die Vojta-Therapie zunutze, um beeinträchtigte Bewegungsmuster nach neurologischen Schädigungen, etwa nach einem Schlaganfall, gezielt wieder zu aktivieren.
Ausbildung der Therapeuten
Die Vojta-Therapie ist eine international anerkannte und zertifizierte Therapieform, die in Deutschland im Heilmittelkatalog verankert ist.
Die Ausbildung der Therapeutinnen und Therapeuten erfolgt weltweit nach einheitlichen, standardisierten Lehrinhalten. Dadurch lässt sich eine hohe Behandlungsqualität sowie eine sichere therapeutische Vorgehensweise auf internationaler Ebene sicherstellen.
Vojta-Therapie: Ziele und Nutzen
Das Ziel der Therapie ist es, den Zugang zu den automatischen, globalen Bewegungsmustern wiederherzustellen.
Dadurch lassen sich …
- Einschränkungen in der Wahrnehmung und Beweglichkeit beim Gehen, Greifen und der Haltungskontrolle verbessern.
- Folgeschäden (sekundäre Schädigungen) am Bewegungsapparat verhindern oder verringern.
- Grundlagen für ein aktives Übungsprogramm schaffen.
Wie bei allen Therapien gilt: Je früher die Behandlung beginnt, desto größer sind die Erfolgschancen.
Wer profitiert von der Behandlungsmethode?
- Säuglinge und Kinder: Zerebralparesen, Behandlung von Entwicklungsverzögerungen, Asymmetrien (Schiefhals), Skoliosen
- Erwachsene: Einsatz nach Schlaganfällen, bei Multipler Sklerose, Querschnittlähmung und bei neuroorthopädischen Krankheitsbildern.
Anwendung der Vojta-Therapie nach einem Schlaganfall
Nach einem Schlaganfall sind die angeborenen Bewegungsmuster oft nicht mehr abrufbar.
Dem zentralen Nervensystem fehlt der Zugriff auf die gespeicherten Bewegungsprogramme. Dies führt zu Einschränkungen in Haltung, Aufrichtung, Greifen und im schlimmsten Fall zu einem vollständigen Verlust der Motorik auf der betroffenen Körperseite.
Hier setzt die Vojta-Therapie an. Sie spricht das zentrale Nervensystem direkt an, um die angeborenen motorischen Fähigkeiten zu reaktivieren.
Damit unterscheidet sie sich grundlegend von anderen Therapieansätzen:
Statt verlorene Funktionen unter Zuhilfenahme von Ersatzbewegungen (Kompensationsmustern) zu üben, zielt sie darauf ab, die ursprünglichen neuronalen Wege für automatische Bewegungen direkt zu bahnen.
Die Vojta-Therapie ist somit ein sinnvoller und entscheidender Baustein in der Behandlung von Schlaganfallpatienten. Zusätzlich können durch die Aktivierung der Lokomotionskomplexe entscheidende Grundlagen für ein aktives Übungsprogramm geschaffen werden.
Eine Kombination mit anderen physiotherapeutischen Maßnahmen ist sehr gut möglich.
Zur Geschichte der Vojta-Therapie
Die Vojta-Therapie wurde vom Neurologen Prof. Dr. Václav Vojta entwickelt und ist als neurophysiologische Behandlung bei Erkrankungen des zentralen Nervensystems etabliert.
Sie gehört unter anderem zum Leistungsumfang des Heilmittelkatalogs bei ZNS-Erkrankungen und wird bei verschiedenen neurologischen Störungen angewendet.
Seit den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts hat sich die Vojta-Therapie als eine systematische, ganzheitliche und vielseitig einsetzbare Behandlung von erwachsenen Patienten aus Neurologie, Orthopädie und Traumatologie bewährt.
Die Internationale Vojta Gesellschaft e.V. (IVG e.V.) spielt eine zentrale Rolle bei der weltweiten Verbreitung der Therapie. Sie sorgt nicht nur für die internationale Ausbildung und Zertifizierung von Therapeutinnen und Therapeuten, sondern auch für die kontinuierliche Erforschung und Entwicklung der Methode.
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Die Zeit nach der Klinik ist für Angehörige oft die größte Herausforderung. Unser Online-Kurs führt Sie in 13 kompakten Modulen durch die Zeit danach. Der Kurs ist ein kostenfreies Angebot gesetzlicher Krankenkassen nach § 45 SGB XI.
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Autorin
Barbara Maurer-Burkhard ist Physiotherapeutin und Lehrtherapeutin der Internationalen Vojta-Gesellschaft.
Seit 1986 begleitet sie an der Universitätsklinik Heidelberg erwachsene Patientinnen und Patienten.
Ihre Schwerpunkte liegen in den Bereichen Stroke-Unit, Neurologie, Neuroonkologie und Neurochirurgie.
Von 2012 bis 2017 wurde sie an das Klinikum Frankfurt Höchst abgeordnet, wo sie die Vojta-Therapie auf der Stroke Unit einführte und eine Studie zur Behandlungsform durchführte.
Quelle
- Vojta therapy improves postural control in very early stroke rehabilitation: a randomised controlled pilot trial. - Autoren: Epple, C.; Maurer-Burkhard, B.; Lichti, M.-C.; Steiner, T. (2020) - Publikation: Neurological Research and Practice 2, S. 23. - DOI: 10.1186/s42466-020-00070-4

