Migräne und Schlaganfall ▷ Erkrankung, Risikofaktor, Stroke Mimics

Das Schlaganfallrisiko ist bei Migräne und vor allem bei Migräne mit Aura leicht erhöht (Foto: Berit Kessler | Shutterstock)
In diesem Artikel:
- Das Wichtigste in Kürze
- Was ist Migräne
- Migräne und Schlaganfall: Gibt es eine Verbindung?
- Stroke Mimics: Wenn Migräne aussieht wie ein Schlaganfall
- Vier Phasen der Migräne mit Aura
- Formen der Migräne
- Fazit
Das Wichtigste in Kürze:
Für alle, die gleich in die Tiefe gehen und mehr wissen möchten: Hier geht es zur ausführlichen Version des Artikels.Die Kopfschmerzerkrankung Migräne kann in unterschiedlichen Ausprägungen auftreten: Typisch sind einseitige, pulsierende oder pochende Kopfschmerzen.
Migräne kann mit oder ohne eine sogenannte Aura auftreten. Zur Aura gehören Symptome wie Flimmern vor den Augen, Gesichtsfeldeinschränkung oder optische Halluzinationen.
Während Aura-Symptome am häufigsten das Sehen betreffen, kommen seltener andere neurologische Symptome wie Halbseitenlähmung oder Sprachstörung vor.
Das Schlaganfallrisiko ist bei Migräne und vor allem bei Migräne mit Aura leicht erhöht. Das absolute Risiko für einen Schlaganfall bleibt jedoch gering.
Die Migräne mit Aura (also mit neurologischen Begleitsymptomen) ist einer der drei häufigsten als Stroke mimics bezeichneten Schlaganfall-Imitatoren. Denn ihre Symptome sind in der Akutphase häufig von denen eines akuten Schlaganfalls nicht unterscheidbar.
Es gibt verschiedene mögliche Erklärungen für den Zusammenhang zwischen Migräne und Schlaganfall, darunter
- Veränderungen im Erbgut als gemeinsamem Auslöser,
- gemeinsame Risikofaktoren,
- eine erhöhte Blutgerinnungsneigung
- und eine als persistierendes Foramen ovale (PFO) bezeichnete Verbindung zwischen linkem und rechtem Herzvorhof.
Migräne ist Schlaganfall-Imitator und Schlaganfall-Risikofaktor zugleich.
Wenn Sie an Migräne leiden und sich Ihre Symptome verändern oder neue Risikofaktoren wie ein hoher Blutdruck oder Blutzucker hinzukommen, ist es hilfreich, regelmäßig das ärztliche Gespräch zu suchen. So können Sie sich mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt über Migräne-Behandlungsstrategien austauschen, die das Schlaganfallrisiko reduzieren.
Die Zeit nach der Klinik ist für Angehörige oft die größte Herausforderung. Unser Online-Kurs führt Sie in 13 kompakten Modulen durch die Zeit danach. Der Kurs ist ein kostenfreies Angebot gesetzlicher Krankenkassen nach § 45 SGB XI.
Was ist Migräne?
Migräne ist eine Kopfschmerzerkrankung mit verschiedenen möglichen Krankheitszeichen.
Ein bekanntes Symptom sind mäßige bis starke Kopfschmerzen, die wiederholt anfallsartig, pulsierend und meist einseitig auftreten.1
Migräne beginnt oft in der Jugend oder im frühen Erwachsenenalter, kann aber grundsätzlich in jedem Lebensalter auftreten.
Frauen sind etwa zwei- bis dreimal häufiger betroffen als Männer.

Migräne in Zahlen. Migräne-Attacken treten bei Frauen häufiger auf als bei Männern.1
Wortherkunft von Migräne
Der Begriff Migräne leitet sich vom französischen Wort migraine ab, das sich wiederum aus dem lateinischen hēmicrānia entwickelt hat. Dieses Wort setzt sich aus dem griechischen hemi = halb und kranion = Schädel zusammen.
Schon in der Antike erkannte man, dass der Migränekopfschmerz meist einseitig ist. Und genau diese Eigenschaft steckt bis heute in der Bezeichnung Migräne.
Migräne und Schlaganfall: Gibt es eine Verbindung?
Grundsätzlich ist ein wechselseitiger Zusammenhang zwischen einer Migräne und dem Schlaganfall denkbar:
- Migräne als Risikofaktor für den Schlaganfall: Die Migräne könnte durch unterschiedliche Mechanismen das Schlaganfallrisiko erhöhen.
- Schlaganfall als Migräne-Trigger: Ein Schlaganfall kann durch die damit verbundenen Veränderungen im Gehirn, der Schmerzverarbeitung und der Blutversorgung eine Migräne-Attacke auslösen.2
Ist das Schlaganfallrisiko bei Migräne erhöht?
Das Schlaganfallrisiko ist bei Migräne erhöht, besonders wenn eine Migräne mit Aura vorliegt.
Dies wurde in großen Beobachtungsstudien festgestellt, bei denen man Menschen mit und ohne Migräne über die Zeit beobachtete und die Häufigkeit von Schlaganfällen verglich.3
Dies bedeutet jedoch nicht, dass ein Schlaganfall durch die Migräne verursacht wird.
Bestimmte Faktoren könnten auch das Risiko für beide Erkrankungen, also Migräne und Schlaganfall, erhöhen.
Das Risiko für einen ischämischen Schlaganfall ist bei Migräne mit Aura etwa doppelt so hoch wie bei der Allgemeinbevölkerung. Dabei ist wichtig zu wissen: Migräne betrifft meist junge Menschen, also eine Gruppe, die ein sehr geringes Schlaganfallrisiko hat.
Auch nach einer Verdoppelung des Risikos bleibt damit die Wahrscheinlichkeit, einen Schlaganfall zu erleiden, extrem gering.
Bei einer Migräne mit Aura erhöht sich das Schlaganfallrisiko noch einmal deutlich, wenn eine östrogenhaltige orale Kontrazeption (hormonelle Verhütung) eingenommen wird. In Leitlinien werden deshalb bei Migräne mit Aura entweder eine östrogenfreie Pille oder nicht hormonelle Verhütungsmethoden als Alternative empfohlen.3
Wie hängen Migräne und Schlaganfall zusammen?
Darüber, wie Migräne das Schlaganfallrisiko erhöhen kann, gibt es zahlreiche Theorien.
Dazu beitragen könnten unter anderem die folgenden Mechanismen:4
Kortikale Streudepolarisation
Die kortikale Streudepolarisation ist ein das Nervensystem betreffendes Phänomen. Hierbei liegt vorübergehend eine verminderte Spannung zwischen den Membranen der elektrisch erregbaren Nervenzellen der Hirnrinde vor.
Die kortikale Streudepolarisation wird mit der Entstehung von Migräne und Schlaganfällen in Verbindung gebracht. Es kann eine vorübergehende Veränderung der Durchblutung in der Hirnrinde beobachtet werden.5
Gefäßverengung
Die als Vasokonstriktion bezeichnete Gefäßverengung entsteht hauptsächlich durch Zusammenziehen der glatten Muskulatur in den kleinen und kleinsten Blutgefäßen. Dadurch steigen Blutdruck und Strömungsgeschwindigkeit des Blutes.
Hinter den verengten Gefäßabschnitten kommt es zu einer geringeren Gewebedurchblutung. Sowohl der Schlaganfall als auch die Migräne sind mit einer schlechteren Durchblutung der betroffenen Hirnregion verbunden.
Neurogene Entzündung
Die neurogene Entzündung ist eine örtlich begrenzte Reaktion der unspezifischen Immunabwehr, die innerhalb weniger Minuten durch einen Schmerzreiz ausgelöst wird.6
Dabei kommt es zur Freisetzung von Substanzen aus den freien Nervenendigungen. Diese wirken als Entzündungsbotenstoffe.
Während einer Migräne-Attacke werden Entzündungssubstanzen ausgeschüttet, die eine regelrechte Kaskade verschiedener weiterer Entzündungsbotenstoffe auslösen.
Die gleichen Entzündungsbotenstoffe spielen zum Teil auch beim ischämischen Schlaganfall eine Rolle.
Erhöhte Blutgerinnungsfähigkeit
Die als Hyperkoagulabilität bezeichnete erhöhte Blutgerinnungsneigung ist sowohl bei der Entstehung eines Schlaganfalls als auch bei Migräne-Attacken von Bedeutung.
Durch eine stärkere Blutgerinnungsneigung kann es zur Bildung von Blutgerinnseln kommen, die durch Verstopfung hirnversorgender Blutgefäße einen Hirninfarkt auslösen können.
Studien deuten darauf hin, dass bei Migränebetroffenen verschiedene Hemmstoffe, die bei gesunden Menschen einer Blutgerinnung entgegenwirken, verringert sind.
Vermehrtes Vorkommen von Gefäß-Risikofaktoren
Es gibt einige Risikofaktoren, die sich Migräne und Schlaganfall teilen. Darunter Bluthochdruck, die Zuckerkrankheit Diabetes mellitus und starkes Übergewicht.
Ein bei Diabetes schlecht eingestellter Blutzucker und damit verbundene Unter- und Überzuckerungen können beispielsweise Kopfschmerzen, insbesondere auch Migränekopfschmerzen auslösen. Darüber hinaus ist Diabetes ein direkter Risikofaktor für den Schlaganfall.
Gemeinsame Beeinträchtigungen im Erbgut
Es gibt Veränderungen (Mutationen) im Erbgut, die sowohl Migräne-Attacken als auch einen Schlaganfall oder eine transitorische ischämische Attacke, kurz TIA, auslösen können.
Ein Beispiel hierfür ist die Erbkrankheit CADASIL, bei der die kleinen Blutgefäße im Gehirn verengt sind. Die Abkürzung steht für cerebral autosomal dominant arteriopathy with subcortical infarcts and leukoencephalopathy.
Offenes Foramen ovale
Das persistierende Foramen ovale, kurz PFO, ist eine Verbindung zwischen den beiden Vorhöfen des Herzens, die nach der Embryonalentwicklung bestehen geblieben ist. Normalerweise schließt sich diese Öffnung nach der Geburt. Bei bis zu einem Viertel der gesunden Bevölkerung bleibt sie jedoch weiterhin bestehen.
In der Regel verursacht ein PFO keine gesundheitlichen Beschwerden. In einigen Fällen kann jedoch ein Blutgerinnsel aus dem venösen Blutsystem in ein hirnversorgendes Gefäß verschleppt werden und so einen Schlaganfall verursachen.
Von starken Migräne-Attacken Betroffene haben nach aktueller Studienlage häufiger ein PFO als gesunde Menschen. Kleine Blutgerinnsel, die über die Öffnung zwischen dem linken und dem rechten Herzvorhof ins Gehirn gelangen, könnten ein Auslöser für die Migräne-Attacken sein.7
Stroke Mimics: Wenn Migräne aussieht wie ein Schlaganfall
Migräne ist eine komplexe Erkrankung des Nervensystems und zeigt sich in vielseitigen Ausprägungen.
Wenn eine Aura (also neurologische Begleitsymptome der Migräne) auftritt, kann die Migräne-Symptomatik einem Schlaganfall zum Verwechseln ähnlich sehen. Dies wird auch als Stroke Mimic bezeichnet.
Die sogenannten Stroke Mimics oder Schlaganfall-Imitatoren umfassen Erkrankungen des Nervensystems, die von ihrer Symptomatik nur schwer oder überhaupt nicht von einem Schlaganfall zu unterscheiden sind.2
Die Migräne mit Aura zählt zu den häufigsten Stroke Mimics. Nach epileptischen Anfällen und psychiatrischen Erkrankungen ist sie laut einer Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2018 der dritthäufigste Schlaganfall-Imitator.8
In Abhängigkeit von der jeweiligen Studie und dem Rahmen der Untersuchung kann die Reihenfolge der wichtigsten Stroke Mimics jedoch variieren.9

Die drei häufigsten Schlaganfall-Imitatoren. Die Reihenfolge kann je nach Studie und Rahmenbedingungen variieren.8,9
Da in einigen Fällen die Aura-Symptome von denen eines ischämischen Schlaganfalls nahezu nicht unterscheidbar sind und bei einem Schlaganfall jede Sekunde zählt, werden ab und zu sogar Thrombolysebehandlungen zur medikamentösen Auflösung eines Blutgerinnsels eingeleitet, obwohl statt eines Schlaganfalls eine Migräne mit Aura vorliegt.8
Während einige der Schlaganfall-imitierenden Erkrankungen relativ leicht durch einfache Messungen wie beispielsweise ein Unterzucker durch eine Blutzuckermessung zu erkennen sind, gestaltet sich die Unterscheidung einer Migräne mit Aura von einem Schlaganfall etwas schwieriger. Beide können mit starken Kopfschmerzen einhergehen.
Einen guten ersten Anhaltspunkt zur Unterscheidung bietet ein Blick auf den Zeitpunkt der jeweiligen Symptome: Sind diese alle gemeinsam aufgetreten oder eher nacheinander folgend?
- Schlaganfall: Alle Symptome treten im Regelfall gemeinsam auf einen Schlag und mit hoher Intensität auf.
- Migräne mit Aura: Die Symptome entwickeln sich etwas langsamer, sie nehmen an Intensität zu und treten oft nacheinander auf (zum Beispiel zuerst die Sehstörung, dann die Kopfschmerzen)
Die Funktionsstörungen des Nervensystems bei einer typischen Migräne mit Aura entwickeln sich nach und nach über einen Zeitraum von bis zu 20 Minuten und halten meist nicht länger als eine Stunde an.
Als besonders häufiges Aura-Zeichen sind Sehstörungen mit Lichtblitzen und über das Gesichtsfeld wandernden Zickzack- oder Burgzinnen-Strukturen zu nennen.
Häufig folgen auf diese charakteristischen Aura-Zeichen starke einseitige Kopfschmerzen. Diese können sich bei Ruhe und in einem abgedunkelten Raum bessern. Die Kopfschmerzen werden nicht selten von Übelkeit und Erbrechen begleitet. Üblicherweise dauern die Beschwerden zwischen 4 und 72 Stunden an.
Wenn es diese klaren Unterschiede in der Symptomatik gibt, warum ist eine Migräne mit Aura dann so schwer von einem Schlaganfall zu unterscheiden?
Das liegt unter anderem daran, dass die Symptome sich in der Realität nicht immer an das Beispiel aus dem Lehrbuch halten. Die zeitliche Abfolge von Aura und Kopfschmerzen muss nicht klar voneinander getrennt sein.
Zum anderen gibt es auch Migräne-Attacken mit Aura, bei denen keine charakteristischen Kopfschmerzen auftreten. Zeichnet sich die Migräne-Attacke nur durch Funktionsstörungen des Nervensystems aus, spricht man von einer Migraine sans migraine.
Bei einer Migraine sans migraine oder zeitlichen Verschiebungen von Aura und Kopfschmerzen konzentriert man sich zur Diagnosestellung meist auf die Krankengeschichte:
- Sind bei dem Patienten oder der Patientin bereits in der Vergangenheit eindeutige Migräne-Attacken aufgetreten?
- Gibt es Fälle von Migräne in der Familie?
- Liegen Herz-Kreislauf-Risikofaktoren vor, wie beispielsweise hohes Alter, Bluthochdruck oder starkes Übergewicht?
Bei erstmaligem Auftreten Schlaganfall-typischer Krankheitszeichen sollte ein möglicher Schlaganfall in jedem Fall anhand entsprechender Untersuchungen ausgeschlossen werden, auch wenn vieles für eine Migräne-Attacke spricht. Vor allem bei älteren Menschen ist ein erstmaliges Auftreten einer Migräne-Attacke eher unwahrscheinlich.
Einige Stroke Mimics imitieren die Symptome eines Schlaganfalls so vollkommen, dass sie erst spät im Krankheitsverlauf oder sogar nie identifiziert werden können.
Hinweis: Die Migräne ist Schlaganfall-Imitator und -Risikofaktor zugleich!
Die Migräne (mit Aura) wird aufgrund der Schlaganfall-ähnlichen Symptomatik als Stroke Mimic, also als Schlaganfall-Imitator, eingestuft. Gleichzeitig ist sie aber auch ein häufig unterschätzter Risikofaktor für einen Schlaganfall.
Besonders bei jüngeren Menschen gilt die Migräne als einer der Hauptrisikofaktoren für den Schlaganfall, während bei älteren Menschen eher klassische Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Rauchen oder Diabetes im Vordergrund stehen.
Migräne als Risikofaktor für Schlaganfälle bei jungen Menschen
US-amerikanische Wissenschaftler untersuchten im April 2024 den Einfluss verschiedener Risikofaktoren auf das Schlaganfallrisiko junger Erwachsener. Die Risikofaktoren teilten sie dabei in traditionelle und nicht traditionelle Risikofaktoren ein.10
Die retrospektive Fall-Kontroll-Studie ergab, dass nicht traditionelle Risikofaktoren wie beispielsweise Autoimmunerkrankungen und die Neigung zur Ausbildung von Blutgerinnseln bei jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 34 Jahren eine bedeutende Rolle spielen.
Die Migräne war jedoch der wichtigste nicht traditionelle Risikofaktor für Schlaganfälle bei jungen Erwachsenen.
Mit steigendem Alter gewinnen die traditionellen Risikofaktoren wie Bluthochdruck, der im Volksmund als Zuckerkrankheit bezeichnete Diabetes mellitus oder starkes Übergewicht zunehmend an Bedeutung. Der Einfluss der nicht traditionellen Risikofaktoren tritt dann in den Hintergrund.
Bedeutendster traditioneller Risikofaktor ist nach aktuellem Forschungsstand der Bluthochdruck. Als nicht traditioneller Risikofaktor nimmt die Migräne, insbesondere die Migräne mit Aura, nach dieser Studie ebenfalls einen wichtigen Stellenwert ein.
Migräne und Schlaganfall: Gibt es Zusammenhänge, die in unserem Erbgut festgelegt sind?
Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2016 beschäftigte sich mit der Untersuchung, ob der Zusammenhang zwischen Migräne und Schlaganfall möglicherweise auf Ursachen zurückzuführen ist, die in unserem Erbgut festgelegt sind.11
Es wurden die wichtigsten genetischen Befunde zusammengefasst, die für Überschneidungen von Migräne und Gefäßerkrankungen von Bedeutung sind.
Eine dieser Überschneidungen mit genetischer Ursache betrifft beispielsweise die familiär vererbte Erkrankung CADASIL, bei der die kleinen Blutgefäße des Gehirns verengt sind. Im Frühstadium führt die Erkrankung zu Migräne-Anfällen, die im weiteren Krankheitsverlauf in den Hintergrund treten. Später kommt es zu kleinen lakunären Schlaganfällen unterhalb der Hirnrinde und einer Beeinträchtigung der Hirnleistungsfähigkeit.
Die Autoren nennen darüber hinaus noch weitere genetische Ursachen, bei denen Beeinträchtigungen des Erbguts zu Überschneidungen zwischen einer Migräne und einem Schlaganfall führen, darunter die familiäre hemiplegische Migräne, kurz FHM.
Diese ist eine weitere vererbbare Form von Migräne mit Aura. Ein charakteristisches Aura-Anzeichen ist hierbei eine auf nur einer Körperhälfte auftretende vorübergehende Muskellähmung, wie sie auch durch einen Schlaganfall auftreten kann.
CADASIL: eine seltene Erkrankung mit Migräne und Schlaganfall
Die Abkürzung CADASIL steht für cerebral autosomal dominant arteriopathy with subcortical infarcts and leukoencephalopathy.2 Hinter dieser sperrigen Bezeichnung steht eine genetisch vererbbare, familiär auftretende Erkrankung, bei der die kleinen Blutgefäße im Gehirn verengt sind.
Die Erkrankung ist eher selten: In Westeuropa sind etwa 1 bis 2 von 100.000 Personen betroffen.
Dennoch ist es die häufigste Form der erblichen Kleingefäßerkrankungen und eines ischämischen Schlaganfalls im Erwachsenenalter, der durch Beeinträchtigung eines einzelnen Gens verursacht wird.11
Migräne ist ein frühes Krankheitszeichen von CADASIL, das bei etwa 40 Prozent der Betroffenen auftritt. Interessanterweise sind CADASIL-Patienten meist älter als andere Migräne-Patienten, wenn die Migräne erstmals auftritt.
In etwa 80 Prozent ist es eine Migräne mit Aura mit in Art und Dauer untypischen oder isolierten Aura-Anzeichen. Das heißt, ohne Kopfschmerzen.
In späteren CADASIL-Stadien geht die Migräne eher zurück. Stattdessen treten vermehrt kleine Hirninfarkte und eine Beeinträchtigung der Hirnleistung auf, die zu vaskulärer Demenz führen kann.
Bei Verdacht sollte eine humangenetische Untersuchung stattfinden. Durch Nachweis von Veränderungen in bestimmten Teilen des Erbguts, dem sogenannten Notch-3-Gen des Chromosoms 19p13, kann die Verdachtsdiagnose bestätigt werden.
Migräne-Komplikation: Migränöser Hirninfarkt
Eine weitere Verbindung zwischen Migräne und Schlaganfall ist der migränöse Hirninfarkt, eine mögliche Komplikation, die bei Migränebetroffenen auftreten kann.
Es treten hierbei im Verlauf eines Migräneanfalls Durchblutungsstörungen im Gehirn auf, die in der Folge einen ischämischen Schlaganfall verursachen.
Was ist ein Migränöser Hirninfarkt?
Der migränöse Hirninfarkt ist eine Migräne-Attacke mit für die jeweilige Person typischen Aura-Anzeichen, von denen mindestens eines über 60 Minuten andauert und bei der mittels bildgebender Verfahren ein ischämischer Hirninfarkt im entsprechenden Hirnareal nachgewiesen werden kann.12,13
Jährlich ist fast einer von 100.000 Menschen von einem solchen Migräne-Infarkt betroffen. Frauen nahezu doppelt so häufig wie Männer.
Das Durchschnittsalter von Menschen mit migränösem Hirninfarkt liegt bei etwa 29 bis 39 Jahren und es liegen seltener traditionelle Risikofaktoren vor als bei anderen Schlaganfallpatientinnen und -patienten.
Zur Vermeidung künftiger Migräne-Infarkte eignet sich eine vorbeugende Migräne-Behandlung in Verbindung mit der Einnahme von Medikamenten, die die Verklumpung von Blutplättchen verhindern: den Thrombozytenaggregationshemmern.
Migräne-Arzneimittel, die gefäßverengend wirken, sollten hingegen vermieden werden. Dazu zählen Medikamente aus der Wirkstoffklasse der Triptane.
Erhöhen Migräne-Medikamente das Schlaganfallrisiko?
Seit einiger Zeit stehen Migräne-Medikamente aus der Wirkstoffklasse der Triptane unter Verdacht, das Risiko für einen Schlaganfall zu erhöhen.
Eine im März 2024 veröffentlichte Studie liefert diesbezüglich entwarnende Daten. Es wurde ein möglicher Zusammenhang zwischen Triptanen und dem Auftreten von ischämischen Erkrankungen wie dem Hirninfarkt untersucht.14,13
Insgesamt wurden 429.612 Personen der dänischen Bevölkerung ausfindig gemacht, die aufgrund einer Migräne erstmals mit Triptanen behandelt wurden. Diese waren im Durchschnitt 38 Jahre alt und etwa ¾ der Studienteilnehmer waren Frauen.
Von den Studienteilnehmenden hatten 0,004 Prozent nach der Erstverschreibung des Medikaments einen ischämischen Schlaganfall. Weitere 0,008 Prozent hatten einen nicht genauer beschriebenen Schlaganfall. Das Durchschnittsalter lag bei 60 Jahren und die Betroffenen hatten ein hohes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Die Studienergebnisse deuten darauf hin, dass das Risiko für einen Schlaganfall unter Einnahme von Triptanen sehr gering und nur dann erhöht ist, wenn auch weitere Risikofaktoren für eine derartige Herz-Kreislauf-Erkrankung vorliegen.
Die vier Phasen der Migräne mit Aura
Die klassische Migräneattacke verläuft typischerweise in Phasen.15
Phase I: Vorläufer- oder Frühphase
Die Vorläufer- oder Frühphase einer Migräne-Attacke wird auch als Prodromalphase bezeichnet. Mit dieser Phase wird die bevorstehende Migräne-Attacke eingeleitet.
Sie kann bereits einige Stunden oder sogar bis zu zwei Tage vor den charakteristischen Kopfschmerzen auftreten und zeichnet sich häufig durch unerklärliche Stimmungsschwankungen, Heißhungerattacken, vermehrtes Wasserlassen oder unkontrolliertes Gähnen aus.

Charakteristische Krankheitszeichen in der Frühphase einer Migräne-Attacke.
Phase II: Auraphase
Nur etwa 15 Prozent aller Migränebetroffenen durchleben diese Migränephase. Sie beginnt meist etwa zehn Minuten bis zu einer Stunde vor den charakteristischen Kopfschmerzen. Üblicherweise halten die Symptome nur maximal eine Stunde an.
Klassische Symptome der Aura sind unter anderem Sehstörungen oder optische Erscheinungen, zum Beispiel mit Lichtblitzen, Kribbeln in Gesicht und Gliedmaßen, Verwirrung und Schwierigkeiten beim Sprechen.

Charakteristische Krankheitszeichen in der Auraphase einer Migräne-Attacke.
Phase III: Kopfschmerzphase
Die Kopfschmerzphase beginnt meist schleichend und steigert sich kontinuierlich in ihrer Intensität.
Die Kopfschmerzen sind üblicherweise auf eine Seite begrenzt. Begleitend treten nicht selten Übelkeit, Erbrechen, Empfindlichkeit gegen Licht, Geräusche und Gerüche sowie Sehstörungen, Stimmungsschwankungen und Müdigkeit auf.
Migräne-Attacken können aber auch ohne Kopfschmerzen auftreten. In diesem Fall stehen die anderen genannten Symptome im Vordergrund. Die Kopfschmerzphase dauert etwa bis zu 72 Stunden.

Charakteristische Krankheitszeichen der Kopfschmerzphase einer Migräne-Attacke.
Phase IV: Die Rückbildungs- und Erholungsphase
Die Rückbildungs- und Erholungsphase wird auch als Postdromal- oder Hangover-Phase bezeichnet.
In dieser abschließenden Phase der Migräne-Attacke fühlen sich Betroffene meist erschöpft und haben Konzentrationsschwierigkeiten und Stimmungsschwankungen.
Nach bis zu zwei Tagen haben sich üblicherweise alle Symptome zurückgebildet.

Charakteristische Krankheitszeichen der Rückbildungs- und Erholungsphase einer Migräne-Attacke.
Welche Formen von Migräne gibt es?
Es gibt unterschiedliche Formen von Migräne. Einige davon treten häufiger auf, andere sind eher als Komplikation der Migräne zu bewerten:
- Migräne ohne Aura oder einfache Migräne
- Migräne mit Aura, auch bekannt als klassische Migräne
- Stille Migräne mit Aura, aber ohne Kopfschmerzen: migraine sans migraine
- Hemiplegische Migräne
- Vestibuläre Migräne mit Schwindel und Gleichgewichtsstörungen
- Augenmigräne: migraine ophthalmoplégique
- Chronische Migräne
- Hormonelle Migräne beziehungsweise menstruelle Migräne
- Migräne mit Hirnstammaura beziehungsweise Basilarismigräne
- Migränekomplikationen wie beispielsweise der Status migraenosus, der migränöse Infarkt oder die Migralepsie, postikale Migräne bei Epilepsie16
Leiden Sie unter Migräne?
Dann suchen Sie regelmäßig das ärztliche Gespräch. Dies ist insbesondere dann wichtig, wenn sich Ihre Migräne-Symptome verändern oder neue Risikofaktoren wie beispielsweise ein hoher Blutdruck oder Blutzucker hinzukommen.
Ihre Ärztin oder Ihr Arzt kann Sie bestmöglich beraten und mit Ihnen gemeinsam vorbeugende Behandlungsstrategien im Hinblick auf einen Schlaganfall besprechen.
Fazit
Der Zusammenhang zwischen Migräne und Schlaganfall ist Gegenstand aktueller Forschung. Studien zeigen, dass junge Migränebetroffene vor allem bei Migräne mit Aura ein erhöhtes Risiko für einen Schlaganfall haben.
Auch wenn das Schlaganfallrisiko ungefähr doppelt so hoch ist wie in der Allgemeinbevölkerung, bleibt das absolute Risiko gering. Nur die wenigsten Menschen mit Migräne bekommen einen Schlaganfall.
Anlass zur Sorge besteht also nicht. Egal, ob mit oder ohne Migräne: Durch einfache Maßnahmen wie Rauchverzicht, ausreichend Bewegung und gesunde Ernährung lässt sich das individuelle Schlaganfallrisiko senken.
Wissenschaftler vermuten, dass die Veränderungen im Gehirn, die während einer Migräne-Attacke stattfinden, das Schlaganfallrisiko erhöhen könnten. Dazu gehören zum Beispiel eine veränderte Blutgerinnung oder eine reduzierte Durchblutung im Gehirn.
Die Gefahr für einen Schlaganfall steigt, wenn weitere Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Nikotinkonsum oder eine familiäre Belastung bestehen. In diesen Fällen lohnt es sich, das Schlaganfallrisiko im Blick zu behalten und nach Möglichkeit zu senken.
Aktuelle Studien arbeiten daran, den Zusammenhang zwischen den beiden Erkrankungen noch besser zu verstehen. Ziel ist es, künftig besser abschätzen zu können, wer ein besonders erhöhtes Schlaganfallrisiko hat. Dies kann in Zukunft der Schlüssel sein, eine vorbeugende Strategie noch effektiver und individueller zu gestalten.
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- Studie: Migräne mit Aura und PFO als hohes Risiko für Schlaganfall?
- Studie: Migräne als Risikofaktor für Schlaganfälle bei jungen Erwachsenen?
- Klinisch stummer Schlaganfall

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Autoren
Dipl.-Biol. Claudia Helbig unter Mitarbeit von Dr. med. Johannes Heinemann
Claudia Helbig ist Diplom-Human- und Molekularbiologin und hat zuvor eine Ausbildung zur Arzthelferin absolviert. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Medizinischen Biochemie und Molekularbiologie hat sie Medizinstudenten in Pathobiochemie-Seminaren und Praktika betreut. Nach Ihrer Arbeit in der pharmazeutischen Forschung hat sie in einem Auftragsforschungsinstitut für klinische Studien unter anderem Visiten mit Studienteilnehmern zur Erhebung von Studiendaten durchgeführt und Texte für die Website verfasst. Mit ihrem interdisziplinären Hintergrund und ihrer Leidenschaft zu schreiben möchte sie naturwissenschaftliche Inhalte fachlich fundiert, empathisch und verständlich an Interessierte vermitteln. [mehr]
Quellen
- Pschyrembel Klinisches Wörterbuch; 266. aktualisierte Auflage; 2014 - Autoren: Pschyrembel, Willibald; Arnold, Ulrike - Publikation: Walter de Gruyter & Co. Verlag; Berlin
- Praxishandbuch Schlaganfall, 1. Auflage - Autoren: Kraft, Peter; Köhrmann, Martin - Publikation: Urban & Fischer Verlag/ Elsevier GmbH 2020 - ISBN/eISBN: 978-3-437-23431-6; 978-3-437-09754-6
- 2024 Guideline for the Primary Prevention of Stroke: A Guideline From the American Heart Association/American Stroke Association (2024) - Autoren: C. Bushnell, W. N. Kerna, A. Z. Sharrief, S. Chaturvedi, J. W. Cole, W. K. Cornwell 3rd, C. Cosby-Gaither, S. Doyle, L. B. Goldstein, O. Lennon, D. A. Levine, M. Love, E. Miller, M. Nguyen-Huynh, J. Rasmussen-Winkler, K. M. Rexrode, N. Rosendale, S. Sarma, D. Shimbo, A. N. Simpkins, E. S. Spatz, L. R. Sun, V. Tangpricha, D. Turnage, G. Velazquez, P. K. Whelton. Publikation: Stroke. 2024 Dec;55(12):e344-e424. - DOI: 10.1161/STR.0000000000000475
- Migraine and Stroke: What’s the Link? What to Do? (2017) - Autoren: Gryglas, Anna; Smigiel, Robert - Publikation: Curr Neurol Neurosci Rep (2017) 17: 22 - DOI: 10.1007/s11910-017-0729-y
- Spreading Depression; Universitätsklinikum Jena; Institut für Physiologie I - Neurophysiologie - Autor: Prof. Dr. Frank Richter - URL: https://www.uniklinikum-jena.de/physiologie1/Forschungsthemen/SpreadingDepression.html
- Lexikon der Wissenschaft - neurogene Entzündung; Spektrum - URL: https://www.spektrum.de/lexikon/neurowissenschaft/neurogene-entzuendung/8571
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- Offenes foramen ovale und Migräne; Schmerzklinik Kiel - URL: https://schmerzklinik.de/offenes-foramen-ovale-und-migraene/
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- The migraine–stroke connection: A genetic perspective (2016) - Autoren: Malik, Rainer; Winsvold, Bendik; Auffenberg, Eva; Dichgans, Martin; Freilinger, Tobias - Publikation: Cephalalgia 2016, Vol. 36(7) 658–668 - DOI: 10.1177/0333102415621055
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