Riesenzellarteriitis ▷ Symptome, Behandlung, Prognose

Neu aufgetretene Kopfschmerzen, oft im Bereich der Schläfen sind ein Symptom der Riesenzellarteriitis (Symbolbild: Alliance Images | Shutterstock)
In diesem Artikel:
- Was ist eine Riesenzellarteriitis
- Symptome
- Diagnose
- Wie gefährlich ist eine Riesenzellarteriitis?
- Riesenzellarteriitis und Schlaganfall
- Behandlung
- Prognose
Das Wichtigste in Kürze:
Für alle, die gleich in die Tiefe gehen und mehr wissen möchten: Hier geht es zur ausführlichen Version des Artikels.Die Riesenzellarteriitis (früherer Name: Arteriitis temporalis) ist eine entzündliche Erkrankung größerer Arterien, die vor allem bei Menschen über 50 Jahre auftritt.
Typische Symptome sind neu aufgetretene Kopfschmerzen, eine empfindliche Kopfhaut, Schmerzen beim Kauen und Sehstörungen.
Die Erkrankung ist manchmal schwer zu erkennen, da die Beschwerden unspezifisch sein können. Es werden körperliche Untersuchung und verschiedene diagnostische Tests kombiniert, um die Diagnose zu stellen.
Eine schnelle Behandlung ist entscheidend, um schwerwiegende Folgekomplikationen wie Erblindung und Schlaganfall zu verhindern.
Die Therapie erfolgt mit Glukokortikoiden (“Kortison”), um die Entzündung in der Gefäßwand zu hemmen. Daneben kommen weitere Medikamente, die die fehlgeleitete Immunreaktion gezielt bremsen, zum Einsatz.
Bei frühzeitiger und konsequenter Behandlung ist die Prognose gut. Schwere Komplikationen lassen sich meist verhindern. Die Therapie muss jedoch häufig über einen längeren Zeitraum durchgeführt werden, damit die Erkrankung nicht erneut aufflammt.
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Was ist eine Riesenzellarteriitis (früherer Name: Arteriitis temporalis)?
Die Riesenzellarteriitis ist eine Form der Vaskulitis, also einer Entzündung der Blutgefäße. Dabei kommt es zu einer Entzündung der Gefäßwand größerer Arterien. Dadurch können sich die Gefäße verengen, sodass im schlimmsten Fall Organe nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt werden.
Zwei Namen – eine Erkrankung
Bei der Riesenzellarteriitis ist oft die Schläfenarterie betroffen, die in der Fachsprache Arteria temporalis genannt wird. Daher kommt der historische und immer noch gebräuchliche Name Arteriitis temporalis, was übersetzt so viel bedeutet wie “Entzündung der Schläfenarterie”.
Mittlerweile ist jedoch bekannt, dass die Erkrankung nicht nur die Schläfenarterie betrifft, sondern auch viele mittlere und große Arterien im gesamten Körper. Der Name Arteriitis temporalis ist deshalb aus der Mode gekommen und die Erkrankung wird in der Fachwelt als Riesenzellarteriitis bezeichnet.1
Dieser Name leitet sich von typischen entzündlichen Veränderungen in der Gefäßwand ab: Unter dem Mikroskop zeigen sich sogenannte Riesenzellen, die durch die Verschmelzung mehrerer Entzündungszellen entstehen.
Wer ist betroffen
Die Riesenzellarteriitis ist die häufigste Form der Vaskulitis bei Menschen über 50 Jahre. Am häufigsten ist die Erkrankung im Alter von 70 bis 79 Jahren. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer.
Riesenzellarteriitis: Welche Symptome treten auf?
Der Beginn der Erkrankung ist häufig schleichend. Typische Beschwerden sind:
- neu aufgetretene Kopfschmerzen, oft im Bereich der Schläfen
- schmerzempfindliche Kopfhaut (zum Beispiel Schmerzen beim Haarkämmen)
- Schmerzen beim Kauen
- Fieber und ausgeprägte Müdigkeit
- ungewollter Gewichtsverlust
- Muskel- und Gelenkschmerzen, insbesondere im Schulter- und Hüftbereich
- Sehstörungen2
Notfall Sehstörungen
Treten plötzlich Sehstörungen auf, sollte sofort ärztliche Hilfe gesucht werden.

Riesenzellarteriitis: Symptome. Bei einer Arteriitis temporalis treten typischerweise unspezifische Beschwerden wie Kopfschmerzen auf, häufig im Bereich der Schläfen. Auch eine schmerzempfindliche Kopfhaut (zum Beispiel beim Kämmen der Haare), Fieber und ausgeprägte Müdigkeit, Muskel- und Gelenkschmerzen (vor allem im Schulter- und Hüftbereich), Sehstörungen (wie Verschwommensehen, Doppelbilder und Sehminderung) sowie ein ungewollter Gewichtsverlust können auf eine Riesenzellarteriitis hindeuten.
Diagnose: Wie wird die Erkrankung festgestellt?
Der Verdacht auf eine Riesenzellarteriitis ergibt sich meist aus der Kombination typischer Beschwerden und Untersuchungsbefunde.
Bei der körperlichen Untersuchung kann die Schläfenarterie verdickt oder druckschmerzhaft sein. Ein weiteres typisches Merkmal ist das Fehlen eines tastbaren Pulses an der Schläfenarterie.
In Blutuntersuchungen zeigen sich häufig erhöhte Entzündungswerte wie das CRP oder die Blutsenkungsgeschwindigkeit.
Im Ultraschall können entzündlich veränderte Gefäßwände sichtbar gemacht werden. Für tiefer liegende Arterien oder bei unklaren Ergebnissen wird zur weiteren Abklärung häufig eine MRT-Untersuchung durchgeführt.3
Eine Gewebeprobe (Biopsie) der Schläfenarterie kann die Diagnose sichern. Da die Entzündung nicht immer die gesamte Arterie betrifft, kann die Erkrankung jedoch trotz Biopsie in Einzelfällen übersehen werden.
Für eine möglichst sichere Diagnosestellung werden mehrere Untersuchungen kombiniert.3
Wie gefährlich ist eine Riesenzellarteriitis?
Die Symptome einer Riesenzellarteriitis können sehr belastend sein.
Starke Schmerzen beeinträchtigen die Lebensqualität deutlich. Zudem drohen unbehandelt verschiedene Komplikationen, die mit einer weiteren Verschlechterung des Gesundheitszustands einhergehen.
Die gute Nachricht: Die Erkrankung ist durch Medikamente gut behandelbar. Deshalb beziehen sich die im Folgenden geschilderten Risiken in erster Linie auf eine unbehandelte Erkrankung.
Durch die Entzündung in der Gefäßwand der Arterien kann die Durchblutung beeinträchtigt werden. In der Folge treten Komplikationen durch eine Mangelversorgung mit Blut auf.
Unbehandelt kann es bei einem Teil der Betroffenen zu einer plötzlichen Erblindung kommen. Diese entsteht durch einen entzündungsbedingten Verschluss einer Augenarterie.4
Über die letzten Jahre und Jahrzehnte hat die Häufigkeit einer Erblindung bei Riesenzellarteriitis leicht abgenommen. Mögliche Gründe sind eine frühere Diagnosestellung und bessere Behandlungsmöglichkeiten.5 Dennoch bleibt die drohende Erblindung die gravierendste Auswirkung der Erkrankung. Einmal aufgetreten, kann eine Erblindung in den meisten Fällen nicht rückgängig gemacht werden.
Weitere mögliche Komplikationen betreffen ebenfalls die Arterien. Es kann zu einem Einriss der Wand in der Hauptschlagader kommen, was als Aortendissektion bezeichnet wird. Auch das Risiko für einen Herzinfarkt ist deutlich erhöht.6
Kann eine Riesenzellarteriitis Schlaganfälle auslösen?
Ja. Bei der Riesenzellarteriitis können sich Arterien entzünden, die das Gehirn mit Blut versorgen. Wird der Blutfluss dadurch eingeschränkt, kann es zu einem Schlaganfall kommen.
Dabei sind häufig Gefäße betroffen, die den hinteren Teil des Gehirns mit Blut versorgen. Deshalb treten Schlaganfälle bei einer Riesenzellarteriitis oft in diesen Hirnregionen auf.
Typische Beschwerden sind dann zum Beispiel Schwindel, Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen oder Sehstörungen.
Insgesamt sind Schlaganfälle eine seltene, aber ernsthafte Komplikation der Erkrankung, die in etwa 4 Prozent der Fälle auftritt.7
Das Risiko ist erhöht, wenn zuvor bereits vorübergehende neurologische Ausfälle (transitorische ischämische Attacken, kurz TIA) aufgetreten sind. Auch Sehstörungen oder eine Entzündung großer Arterien können das Schlaganfallrisiko steigern.
Kommt es im Rahmen einer Riesenzellarteriitis zu einem Schlaganfall, ist dies häufig mit einem schwereren Krankheitsverlauf verbunden.7
Wie erfolgt die Behandlung?
Da der Riesenzellarteriitis eine überschießende Entzündungsreaktion in der Gefäßwand zugrunde liegt, zielt die Behandlung darauf ab, diese Entzündung schnell und wirksam zu unterdrücken.
Oft wird bereits bei dringendem Verdacht auf eine Riesenzellarteriitis behandelt, noch bevor alle Untersuchungen abgeschlossen sind.
Die Grundlage der Behandlung ist dabei eine zunächst hoch dosierte Glukokortikoid-Therapie (“Kortison”).
Die Glukokortikoid-Therapie (“Kortison”)
Sind bereits Sehstörungen aufgetreten, handelt es sich um einen medizinischen Notfall, da innerhalb kurzer Zeit eine dauerhafte Erblindung auf einem oder beiden Augen eintreten kann. Um eine besonders schnelle Wirkung zu erzielen, werden die Glukokortikoide dann meist über eine Infusion verabreicht.
Glukokortikoide sind zwar in der Akutphase hochwirksam, bei längerfristiger Anwendung in hohen Dosierungen drohen aber Nebenwirkungen wie Diabetes, Gewichtszunahme und Osteoporose.
Deshalb werden häufig zusätzlich andere Medikamente eingesetzt, die gezielter in das Immunsystem eingreifen und die Entzündung langfristig kontrollieren. Unter dieser Behandlung kann die Glukokortikoiddosis anschließend langsam und schrittweise reduziert werden.8
Während der Therapie sind regelmäßige ärztliche Kontrollen wichtig, um frühzeitig zu erkennen, ob die Erkrankung erneut aktiver wird. Kommt es zu einem Wiederaufflammen der Entzündung, wird die Kortisondosis vorübergehend wieder erhöht.
Bei einer frühzeitigen und konsequenten Behandlung bessern sich die Beschwerden in der Regel schnell. Gleichzeitig können schwerwiegende Folgekomplikationen wie Erblindung oder Schlaganfälle in vielen Fällen verhindert werden.8 drohen aber Nebenwirkungen wie Diabetes, Gewichtszunahme und Osteoporose.
Deshalb werden häufig zusätzlich andere Medikamente eingesetzt, die gezielter in das Immunsystem eingreifen und die Entzündung langfristig kontrollieren. Unter dieser Behandlung kann die Glukokortikoiddosis anschließend langsam und schrittweise reduziert werden.8
Während der Therapie sind regelmäßige ärztliche Kontrollen wichtig, um frühzeitig zu erkennen, ob die Erkrankung erneut aktiver wird. Kommt es zu einem Wiederaufflammen der Entzündung, wird die Kortisondosis vorübergehend wieder erhöht.
Bei einer frühzeitigen und konsequenten Behandlung bessern sich die Beschwerden in der Regel schnell. Gleichzeitig können schwerwiegende Folgekomplikationen wie Erblindung oder Schlaganfälle in vielen Fällen verhindert werden.8
Riesenzellarteriitis: Wie ist die Prognose?
Bei frühzeitiger und konsequenter Behandlung ist die Prognose der Riesenzellarteriitis insgesamt gut. Die Beschwerden sprechen in der Regel schnell auf die Therapie an. Im weiteren Krankheitsverlauf kann es jedoch häufiger zu erneuten Krankheitsschüben kommen, sodass die Medikamentendosis vorübergehend angepasst werden muss.
Die gefürchtetste Komplikation der Erkrankung ist eine ein- oder beidseitige Erblindung. Ist sie einmal eingetreten, lässt sich das Sehvermögen meist nicht wiederherstellen. In den meisten Fällen tritt eine Erblindung vor oder kurz nach der Diagnosestellung auf, also bevor eine wirksame Behandlung begonnen wurde. Unter laufender Therapie ist das Risiko für diese Komplikation deutlich geringer.
Die Lebenserwartung wird durch die Riesenzellarteriitis in der Regel nicht verkürzt.
Allerdings besteht insbesondere in der frühen Phase der Erkrankung ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Komplikationen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall. Deshalb sind eine frühzeitige Behandlung und regelmäßige Kontrolluntersuchungen besonders wichtig.
Mit einer guten Behandlung können die meisten Betroffenen trotz der Erkrankung ein weitgehend normales Leben führen.9
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Artikel aktualisiert am: - Nächste geplante Aktualisierung am:
Autor
Dr. med. Johannes Heinemann Facharzt für Neurologie an der Universitätsklinik Freiburg Dr. Johannes Heinemann ist Facharzt für Neurologie an der Universitätsklinik Freiburg. Sein klinischer Schwerpunkt ist die Notfall- und Intensivneurologie. Die Akutbehandlung von Schlaganfallpatienten bereitet ihm große Freude, da hier schnelle Entscheidungen und präzises Handeln gefragt sind. Sein Ziel ist es, Wissen über den Schlaganfall und seine Behandlung verständlich und praxisnah zu vermitteln, um Betroffenen und ihren Angehörigen zu helfen, den Weg der Genesung und Prävention besser zu verstehen und zu meistern. [mehr]
Quellen
- Cranial involvement in giant cell arteritis. - Autoren: Bosch P, Espigol-Frigolé G, Cid MC, Mollan SP, Schmidt WA. - Publikation: Lancet Rheumatol. 2024 Jun;6(6):e384-e396. - DOI: 10.1016/S2665-9913(24)00024-9 - Epub: 2024 Apr 1 - PMID: 38574747
- Giant Cell Arteritis. - Autor: David S. Younger - Publikation: Neurol Clin. 2019 May;37(2):335-344. - DOI: 10.1016/j.ncl.2019.01.008 - Epub: 2019 Mar 16 - PMID: 30952412
- Diagnosis of giant cell arteritis. - Autoren: Ponte C, Martins-Martinho J, Luqmani RA - Publikation: Rheumatology (Oxford). 2020 May 1;59(Suppl 3):iii5-iii16 - DOI: 10.1093/rheumatology/kez553 - PMID: 32348512
- Visual loss and other cranial ischaemic complications in giant cell arteritis. - Autoren: Soriano A, Muratore F, Pipitone N, Boiardi L, Cimino L, Salvarani C. - Publikation: Nat Rev Rheumatol. 2017 Aug;13(8):476-484 - DOI: 10.1038/nrrheum.2017.98 - Epub: 2017 Jul 6 - PMID: 28680132
- Visual manifestations in giant cell arteritis: trend over 5 decades in a population-based cohort. - Autoren: Singh AG, Kermani TA, Crowson CS, Weyand CM, Matteson EL, Warrington KJ. - Publikation: J Rheumatol. 2015 Feb;42(2):309-15 - DOI: 10.3899/jrheum.140188 - Epub: 2014 Dec 15 - PMID: 25512481; - PMCID: PMC4367485
- 6 Risk for cardiovascular disease early and late after a diagnosis of giant-cell arteritis: a cohort study. - Autoren: Tomasson G, Peloquin C, Mohammad A, Love TJ, Zhang Y, Choi HK, Merkel PA. - strong>Publikation: Ann Intern Med. 2014 Jan 21;160(2):73-80 - DOI: 10.7326/M12-3046 - PMID: 24592492; - PMCID: PMC4381428
- Cerebrovascular accidents in giant cell arteritis: prevalence and predictive factors from the ARTESER registry. - Autoren: Martín-Gutiérrez A, Molina-Collada J, Domínguez-Álvaro M, Melero-González RB, Fernández-Fernández E, Silva-Díaz M, Valero JA, González I, Martín JS, Narváez J, Calvo I, Aldasoro V, Abasolo Alcázar L, Loricera J, Ruíz-Roman A, Castañeda S, Molina-Almela C, Alcalde Villar M, Juan Mas A, Blanco R; ARTESER Project Collaborative Group. - Publikation: Rheumatology (Oxford). 2025 Jun 1;64(6):3733-3738 - DOI: 10.1093/rheumatology/keaf051 - PMID: 39918980
- Zerebrale Vaskulitis und zerebrale Beteiligung bei systemischen Vaskulitiden und rheumatischen Grunderkrankungen, S1-Leitlinie, 2024, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. - Autoren: Kraemer M., Berlit P. et al. - URL: www.dgn.org/leitlinien (abgerufen am 11.03.2026)
- Long-term outcome of giant cell arteritis. - Autoren: Pipitone N, Boiardi L, Bajocchi G, Salvarani C. Clin Exp - Publikation: Rheumatol. 2006 Mar-Apr;24(2 Suppl 41):S65-70 - PMID: 16859599

