Aggressiv nach dem Schlaganfall ▷ Ursachen, Behandlung und Tipps

Oft tritt aggressives Verhalten kurz nach einem Schlaganfall auf (Foto: KinoMasterskaya | Shutterstock)
In diesem Artikel:
- Das Wichtigste in Kürze
- Was ist Aggressivität - und was ist sie nicht?
- Ursachen
- Symptome und Anzeichen
- Dauer und Prognose
- Behandlung
- Tipps für Betroffene
Das Wichtigste in Kürze:
Für alle, die gleich in die Tiefe gehen und mehr wissen möchten: Hier geht es zur ausführlichen Version des Artikels.Aggressivität ist keine medizinische Diagnose, sondern eine Verhaltensänderung. Sie kann vor allem in der Akutphase der Genesung nach einem Schlaganfall auftreten.
Aggressives Verhalten und Wutausbrüche können auf einen Schlaganfall in bestimmten Hirnregionen hinweisen. Sie treten besonders dann auf, wenn der Frontallappen betroffen ist. Das liegt daran, dass die Frontallappen vor allem an der Kontrolle grundlegender Impulse beteiligt sind.2 Zu diesen Impulsen gehört auch Wut.
Auslöser von aggressivem Verhalten nach einem Schlaganfall können auch neurochemische Funktionsstörungen und ungünstige Umgebungen mit negativen Reizen sein.
Auch psychische Faktoren wie Unsicherheiten, Ängste, Frust oder Kommunikationsschwierigkeiten können Aggressivität nach einem Schlaganfall verursachen.
Betroffene Personen können aggressives Verhalten verbal äußern: zum Beispiel in Form von Beleidigungen. Aber auch körperlich, beispielsweise mit Tritten und Schlägen.
Oft tritt aggressives Verhalten kurz nach einem Schlaganfall auf. Es verschwindet jedoch nach wenigen Wochen oder mildert sich deutlich ab.
Hält die Aggressivität länger an, können Therapiemöglichkeiten wie Gesprächstherapien, kognitive Verhaltenstherapien und Medikamente die Symptome lindern und den Umgang damit erleichtern.
Für Betroffene gibt es verschiedene Wege, mehr emotionale Stabilität aufzubauen.
Wird das aggressive Verhalten zur Gefahr für Leib und Leben, sollten Angehörige umgehend die Polizei unter 110 rufen und sich bis zum Eintreffen der Polizei in Sicherheit bringen.
Die Zeit nach der Klinik ist für Angehörige oft die größte Herausforderung. Unser Online-Kurs führt Sie in 13 kompakten Modulen durch die Zeit danach. Der Kurs ist ein kostenfreies Angebot gesetzlicher Krankenkassen nach § 45 SGB XI.
Was ist Aggressivität - und was ist sie nicht?
Aggressivität ist keine medizinische Diagnose. Sie ist vielmehr eine Verhaltensänderung (als Symptom). Diese tritt häufig in verschiedenen Stadien nach einem Schlaganfall auf, insbesondere in der Akutphase der Genesung.1
Betroffene reagieren unter anderem:
- wütend
- feindselig
- impulsiv
- verwirrt
- erregt
- ängstlich
- depressiv
Aggressivität nach dem Schlaganfall: Wie häufig ist sie?
Besonders in der Akutphase des Genesungsprozesses nach einem Schlaganfall ist aggressives Verhalten eine häufig auftretende negative Auswirkung.
Bis zu 35 Prozent der Betroffenen haben in den ersten Wochen nach dem Schlaganfall Wutausbrüche. 37 Prozent von diesen fallen sehr heftig aus. Das zeigte eine Studie mit etwa 200 Schlaganfallpatienten.2
Insgesamt deutet die Studienlage darauf hin, dass zwischen 11 und 35 Prozent der Betroffenen während der Akutphase des Schlaganfalls (also bei Einweisung ins Krankenhaus) Verhaltensweisen wie Wut oder Aggressivität zeigen.3,4,5
In den ersten 3 bis 12 Monaten nach dem Schlaganfall reagieren etwa 19 bis 32 Prozent der Patientinnen und Patienten wütend und aggressiv.3
In einer kleinen Studie mit 20 Schlaganfallbetroffenen, die nach dem Schlaganfall unter einer Sprachstörung (Aphasie) litten, zeigten 70 Prozent aggressives Verhalten. Solche neuropsychiatrischen Symptome treten häufig in der chronischen Phase der Aphasie nach einem Schlaganfall auf.6
Ursachen
Aggressives Verhalten nach einem Schlaganfall hat meist nicht nur eine Ursache. In der Regel kommen mehrere Faktoren zusammen, die von Person zu Person unterschiedlich ausgeprägt sein können.
Drei grundlegende Mechanismen spielen dabei häufig eine Rolle
- Schädigung bestimmter Hirnareale, die für Impulskontrolle und Emotionen verantwortlich sind
- Störungen im Gleichgewicht von chemischen Botenstoffen (Neurotransmittern), die Stimmung und Verhalten beeinflussen
- Psychische Belastungsfaktoren, etwa Angst, Überforderung oder Frustration nach dem Schlaganfall
Ein Schlaganfall beeinträchtigt das Gehirn. Dieses steuert unsere Emotionen, unser Verhalten, unser Denken.
Es ist daher nicht ungewöhnlich, dass von einem Schlaganfall betroffene Personen eine Persönlichkeitsveränderung durchlaufen, die sich in einem aggressiven Verhalten äußert.
Ist eine Person nach einem Schlaganfall auffallend aggressiv, kann das auf eine Schädigung ganz bestimmter Hirnareale hinweisen.
Das aggressive Verhalten ist auf eine Kombination unterschiedlicher Faktoren zurückzuführen. Es tritt vor allem dann auf, wenn der Schlaganfall den Frontallappen betrifft.2
Wut und Aggressionen sind häufiger auf eine Hirnverletzung während des Schlaganfalls als auf eine Depression nach dem Schlaganfall zurückzuführen.
Schädigung von Hirnarealen
Als Frontallappen werden die Hirnregionen hinter der Stirn und den Schläfen bezeichnet. Wie alle Strukturen des Gehirns sind auch die Frontallappen auf jeder Seite vorhanden. Es gibt deshalb zwei Frontallappen.
Die Frontallappen des Gehirns
- steuern willkürliche Bewegungen, zum Beispiel erlernte komplexe und koordinierte Bewegungsabläufe wie Schwimmen, Fahrradfahren oder Geige spielen
- kontrollieren kognitive Prozesse, darunter Problemlösung, (analytisches) Denken, Planen oder Sprache.
- lenken Emotionen und soziale Verhaltensweisen.
- steuern Mimik und Gestik und koordinieren diese mit der Stimmung und den Emotionen
- beeinflussen teilweise Persönlichkeit und Charakter eines Menschen.7
Vor allem bei einer Beeinträchtigung in den vorderen Regionen der Frontallappen kann es zu auffälliger Zügellosigkeit, sozial unangemessenem Verhalten und Aggressivität kommen. Das ist nicht nur bei einem Schlaganfall in diesem Hirnareal so.
Auch bei einer Demenz, bei der die Nervenzellen des Frontallappens zugrunde gehen, also bei der frontotemporalen Demenz, können vergleichbare Persönlichkeitsveränderungen auftreten.8
Doch warum kann vor allem die Schädigung der Frontallappen ein aggressives Verhalten nach sich ziehen?
Das liegt daran, dass die Frontallappen am Denken, Problemlösen und vor allem an der Kontrolle grundlegender Impulse beteiligt sind.2 Zu diesen Impulsen gehört unter anderem auch Wut.
Fällt der hemmende Einfluss der Frontallappen weg, werden Impulse eher ausgeübt. So auch wütende oder aggressive Impulse.

Hirnlappen und ihre Funktionen. Es gibt vier Hauptlappen im Gehirn, die gemeinsam die Großhirnrinde bilden: den Frontallappen (Stirnlappen), den Temporallappen (Schläfenlappen), den Parietallappen (Scheitellappen) und den Okzipitallappen (Hinterhauptslappen). Alle vier Hirnlappen übernehmen unterschiedliche Funktionen. Eine Hirnschädigung im Frontallappen, etwa durch einen Schlaganfall oder Demenz, führt häufig zu aggressiven Verhaltensweisen.
Störungen im neurochemischen Gleichgewicht
Auch neurochemische Funktionsstörungen und ungünstige Umgebungen mit negativen Reizen können aggressives Verhalten nach einem Schlaganfall auslösen. Darauf deuten aktuellere Forschungsergebnisse hin.
Was sind neurochemische Funktionsstörungen?
Neurochemische Funktionsstörungen sind Störungen in Prozessen, die chemische Substanzen betreffen, die unsere Nervenzellen beispielsweise zur Kommunikation nutzen. Diese chemischen Substanzen werden in der Fachsprache als Neurotransmitter bezeichnet.
Normalerweise besteht ein Gleichgewicht in der Konzentration der verschiedenen Neurotransmitter. Dieses Gleichgewicht kann durch verschiedene Einflüsse gestört werden.
Die Hirnschädigung durch einen Schlaganfall kann zum Beispiel das Serotoninsystem des Gehirns hemmen. Serotonin ist ein Hormon und Neurotransmitter, der unter anderem unsere Stimmung reguliert.
Deswegen wird es nicht selten auch als “Glückshormon” bezeichnet.
Ist das Serotoninsystem gehemmt, kann auch unsere Impulskontrolle gestört sein. Das wiederum äußert sich dann in unangemessenem, aggressivem Verhalten.
Psychische Faktoren
Darüber hinaus kommen viele Schlaganfallbetroffene schwer mit der Tatsache zurecht, dass sie Aufgaben des alltäglichen Lebens, die sie vor dem Schlaganfall mit Leichtigkeit ausgeübt haben, plötzlich nicht mehr bewältigen können. Das führt nicht selten zu Frustration, Wut und Aggression.
Dieses Verhalten hat dann keine direkte biologische, sondern eher eine psychische Ursache.
Meist spielen jedoch verschiedene Faktoren eine Rolle: eine direkte Schädigung von Nervenzellen, ein gestörtes Gleichgewicht von Hormonen und Neurotransmittern und psychische Belastungsfaktoren.
Daher können auch folgende Ursachen Grund für aggressives Verhalten sein
- Unfähigkeit, eine Aufgabe selbstständig zu erledigen: Betroffene können beispielsweise wütend werden, weil sie nicht mehr eigenständig und selbstbestimmt zur Toilette gehen oder sich waschen können.
- Kommunikationsschwierigkeiten: Eine Aphasie nach dem Schlaganfall erschwert die Kommunikation mit anderen und kann ein Gefühl der Isolation und Wut verursachen.
- Angst und Verunsicherung: Die Angst vor einem erneuten Schlaganfall oder davor, nie wieder gesund zu werden, kann Betroffene hilflos und wütend machen. Auch Angst vor hohen medizinischen Kosten kann zu aggressivem Verhalten führen.
- Erschöpfung und Desorientierung: Menschen, deren Körper erschöpft ist und die starke mentale Höhen und Tiefen aufgrund eines Schlaganfalls durchleben, können wütend reagieren. Auch wenn sie vor dem Schlaganfall in denselben Situationen gelassen reagiert hätten.
- Reaktionen auf das Verhalten anderer: Wird eine durch einen Schlaganfall in ihrer Mobilität eingeschränkte Person übergangen oder gleichgültig behandelt, kann das Wut und Aggression hervorrufen.
- Nervosität und Reizüberflutung: Große Menschenmengen, Lärm oder viel Aktivität können besonders Menschen nach einem Schlaganfall überwältigen. Das Unvermögen, damit umzugehen, kann daher Stress, Frustration und Wut auslösen.
- Hindernisse beim Erreichen von Zielen: Schlaganfall-bedingte Behinderungen und Einschränkungen können die Betroffenen davon abhalten, ihre Ziele zu erreichen. Die immer wieder auftretenden (aus Sicht der Betroffenen) Niederlagen können zu immer größerer Frustration führen, die Auslöser für aggressives Verhalten sind.9
Symptome und typische Anzeichen
Aggressives, kämpferisches Verhalten nach einem Schlaganfall kann sich verbal oder nonverbal äußern.
Betroffene zeigen unter anderem folgende Verhaltensweisen:
körperlich
- Schlagen
- Treten
- Beißen
- Werfen von Gegenständen
verbal
- Schreien
- Behandlungsverweigerung
- Verwendung unfreundlicher oder sogar feindseliger Sprache
Wenn aus Aggression Gewalt wird: Hilfsangebote
Psychische Unterstützung in Gewaltsituationen:
Frauen, die Gewalt ausgesetzt sind, können das bundesweite Hilfetelefon “Gewalt gegen Frauen”10 unter der Nummer 116 016 anonym und kostenfrei nutzen.
Für Männer gibt es das Hilfetelefon “Gewalt an Männern”, das unter der Nummer 0800 123 99 00 erreichbar ist.11
Beide Anlaufstellen bieten auch eine Online-Beratung per E-Mail und Chat an.
Kinder und Jugendliche können die Nummer gegen Kummer unter 116 111 anrufen oder sich an den Deutschen Kinderschutzbund wenden.12
In schweren Gewaltsituationen: Wenn die Persönlichkeitsveränderung nach dem Schlaganfall zu häuslicher Gewalt führt und die fehlende Impulskontrolle zur echten Gefahr für Leib und Leben wird, zögern Sie nicht! Rufen Sie die Polizei unter 110.
Fachliche Fremdbeurteilung der Aggressivität
Zur kurzfristigen, aktuellen Zustandsbewertung aggressiven Verhaltens kann von Ärztinnen und Ärzten, therapeutischen Fachkräften oder Pflegepersonal in der medizinisch-psychiatrischen Versorgung zum Beispiel die deutsche Übersetzung der modifizierten Skala für offensichtliche Aggressionen (Modified Overt Aggression Scale, MOAS-D) eingesetzt werden.13
Dieses Bewertungsinstrument ist kein Bestandteil der Routine-Diagnostik nach einem Schlaganfall. Die MOAS in englischsprachiger Originalfassung gilt jedoch als internationaler Goldstandard für die wissenschaftliche Beobachtung und Einschätzung aggressiven Verhaltens.
Die Fremdbeurteilung ist besonders dann wichtig, wenn die kommunikativen Fähigkeiten der Betroffenen beeinträchtigt sind und sie ihr Befinden nicht selbst schildern können. Diese Situation kann vor allem in den ersten Wochen nach einem Schlaganfall auftreten.
Die Art der Aggressionen wird beim MOAS-D in folgende vier Kategorien eingeteilt:
- verbale (sprachliche) Aggression
- physische (körperliche) Aggression gegen Objekte (Sachaggression)
- physische (körperliche) Aggression gegen sich selbst (Selbstverletzung)
- physische (körperliche) Aggression gegen andere (Fremdverletzung)14
Die beurteilende Fachkraft bewertet aggressive Verhaltensweisen, die am Vortag oder in der zurückliegenden Woche aufgetreten sind.
Die Verhaltensweisen werden nach Häufigkeit des Auftretens gewichtet. Anschließend ermittelt der Anwender des Bewertungsinstruments den Summenwert für jede Aggressionskategorie, multipliziert diesen mit der Gewichtung der Kategorie und addiert die gewichteten Werte zum Gesamtwert.
Folgende Verhaltensweisen und Schweregrade werden den verschiedenen Aggressionskategorien14 zugeordnet:
| A: Verbale Aggression; Art des Verhaltens | Schweregrad |
|---|---|
| macht laute Geräusche, schreit wütend | 1 |
| schreit andere an oder beleidigt diese auf milde Weise (zum Beispiel „Du bist blöd!”) | 2 |
| flucht bösartig, benutzt unanständige Schimpfworte im Zorn, stößt gegen sich oder andere Drohungen aus | 3 |
| droht klar mit Gewalt gegen andere (zum Beispiel „Ich bring dich um!”) oder gegen sich selbst oder bittet um Schutz vor sich selbst (hat Angst, sich etwas anzutun) | 4 |
| B: Physische Aggression gegen Objekte (Sachaggression); Art des Verhaltens | Schweregrad |
|---|---|
| Türenzuschlagen, an Kleidung reißen, absichtlich Unordnung machen | 1 |
| Dinge auf den Boden werfen, gegen Möbel treten (ohne Zerstörung), Wände verschmieren | 2 |
| Dinge absichtlich kaputt machen, Fensterscheiben einwerfen | 3 |
| Feuer legen, Dinge gefährlich werfen | 4 |
| C: Physische Aggression gegen sich selbst (Selbstverletzung); Art des Verhaltens | Schweregrad |
|---|---|
| zupft oder kratzt sich an der Haut, zieht sich an den Haaren, schlägt sich selbst (ohne beziehungsweise mit leichten Verletzungen) | 1 |
| schlägt den Kopf, schlägt mit Faust gegen Wände oder Mobiliar, wirft sich zu Boden oder gegen Wände oder Mobiliar (mit leichten Verletzungen) | 2 |
| fügt sich Prellungen, kleine Verbrennungen oder Schnitte zu | 3 |
| verstümmelt sich selbst, verursacht tiefe Schnitte, beißt sich bis es blutet, innere Verletzungen, Knochenbrüche, Bewusstlosigkeit, Verlust von Zähnen | 4 |
| D: Physische Aggression gegen andere (Fremdverletzung); Art des Verhaltens | Schweregrad |
|---|---|
| macht drohende Gesten, schlägt in Richtung anderer; verkrallt sich in die Kleidung von anderen | 1 |
| schlägt, tritt, schubst, kratzt, zieht andere an den Haaren (ohne Verletzung) | 2 |
| geht auf andere los, verursacht dabei leichte Verletzungen (blaue Flecken, Verstauchungen, Striemen etc.) | 3 |
| geht auf andere los, verursacht dabei schwere körperliche Verletzungen (Knochenbrüche, tiefe Wunden, innere Verletzungen) | 4 |
Psychisch aggressives Verhalten wird unter anderem auch im Modul 3 „Verhaltensweisen und psychische Problemlagen” bei der Begutachtung zur Beurteilung der Pflegebedürftigkeit nach einem Schlaganfall erfasst.15
Dauer und Prognose
Häufig verschwindet aggressives Verhalten nach einem Schlaganfall wieder, sobald die akute Genesungsphase abgeschlossen ist. In der Regel dauert diese einige Wochen an.
Abhängig vom betroffenen Hirnareal kann die Persönlichkeitsveränderung aber auch länger andauern. Wie lange genau, ist leider nicht vorhersagbar.
Dauern die veränderten Verhaltensweisen länger an, besteht dennoch Aussicht auf Genesung. Mit einer angemessenen Behandlung und mit der Zeit können sich aggressive Auffälligkeiten wieder verbessern.2
Behandlung
Häufig verschwinden Verhaltensveränderungen, die mit Aggressivität einhergehen, nach einiger Zeit von selbst wieder.
Medizinische Fachkräfte nennen das spontane Erholung. Negative Verhaltensweisen oder Beeinträchtigungen bilden sich demnach spontan zurück, während das Gehirn heilt und sich von dem Schlaganfall erholt.
Eine bedeutende Rolle in diesem Heilungsprozess spielt die Neuroplastizität. Diese bezeichnet die dynamische Anpassungsfähigkeit unseres Gehirns auf anatomischer und funktioneller Ebene.
Gesprächstherapie
Gehen die Verhaltensänderungen über die akute Phase der Genesung (also über einige Wochen bis maximal wenige Monate) hinaus, ist es sinnvoll, eine therapeutisch ausgebildete Fachkraft ins Boot zu holen.
Das kann beispielsweise ein psychologischer Psychotherapeut oder Psychiater sein. Psychiater sind Fachärztinnen und Fachärzte, die im Gegensatz zu einer psychologischen, psychotherapeutischen Fachkraft nicht nur Gespräche und Übungen zur Behandlung nutzen, sondern auch Medikamente verschreiben dürfen.
Die Gesprächstherapie kann dabei helfen, Wege zu finden, um mit den eigenen negativen Gefühlen und Gedanken umzugehen.16
Sie kann mit den Betroffenen alleine, aber auch mit Familienmitgliedern und anderen Angehörigen durchgeführt werden.
Auch Gruppentherapiesitzungen mit anderen Menschen in ähnlichen Situationen sind möglich.
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)
Die kognitive Verhaltenstherapie, kurz KVT, ist eine Form der Gesprächstherapie. Sie wird zur Behandlung von Angstzuständen und Depressionen empfohlen. In einigen Fällen kann sie aber auch helfen, andere Emotionen wie Wut und Aggression besser zu kontrollieren.
Denken und Verhalten werden im Zusammenhang betrachtet. In der KVT wird versucht, negative Denkweisen durch realistischere Ansichten zu ersetzen. Das stärkt das emotionale Wohlbefinden und kann so dem Empfinden und Ausleben von Wut und Aggression entgegenwirken.
Die klassische kognitive Verhaltenstherapie erfolgt üblicherweise in mehreren Sitzungen, die über mehrere Wochen verteilt sind. Darüber hinaus gibt es umfangreiches Material wie Bücher, Hörbücher, Computer- und Online-Programme, um die KVT selbst zu erlernen oder zu vertiefen.
Behandlung mit Medikamenten
Zur Behandlung von aggressivem Verhalten nach einem Schlaganfall stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung.
Zu den bekanntesten gehören die Antidepressiva16, unter anderem die Klasse der sogenannten Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Die Gruppe der Antidepressiva wirkt auf die chemischen Substanzen im Gehirn und kann bei Angst, Depressionen, aber auch bei verminderter Impulskontrolle helfen.
Serotonin überträgt als Botenstoff normalerweise Signale zwischen den Nervenzellen. SSRI erhöhen den Serotoninspiegel im Gehirn. In einigen Fällen können sie daher negative Verhaltensänderungen, die durch eine gestörte Impulskontrolle verursacht werden, abmildern oder gänzlich beseitigen.
SSRI sind in der Regel dann sinnvoll, wenn Aggressivität nach dem Schlaganfall das Hauptsymptom der Verhaltensveränderungen ist. Auch aggressives oder gereiztes Verhalten, das Teil eines depressiven Syndroms ist, kann sich durch eine wirksame Behandlung mit Antidepressiva, einschließlich SSRIs, verbessern.
Auch ß-Adrenorezeptor-Antagonisten (Betablocker) oder Lithium können bei Betroffenen von Hirnverletzungen eine Reduzierung des aggressiven Verhaltens bewirken.17
Behandlung mit Fluoxetin
Es gibt Hinweise darauf, dass die Behandlung von aggressivem Verhalten nach einem Schlaganfall mit dem SSRI-Wirkstoff Fluoxetin besonders wirksam ist.2
Eine Studie konnte zeigen, dass Fluoxetin einen positiven Effekt auf die Wutanfälligkeit nach einem Schlaganfall hatte, nicht jedoch auf Depressionen. Dieser Effekt wurde bis zu drei Wochen nach dem Absetzen des Medikaments beobachtet.
Was Sie tun können, wenn Sie die Kontrolle über Ihre Emotionen verlieren
- Holen Sie sich professionelle Unterstützung. Wenn Sie merken, dass Sie Ihre Gefühle nicht wie gewohnt kontrollieren können, bitten Sie das medizinische/therapeutische Team frühzeitig um Hilfe, das Sie nach dem Schlaganfall begleitet.
- Sprechen Sie über Ihre veränderte Persönlichkeit. Ob mit einem Familienmitglied, Freund, Berater, Therapeuten oder in einer Selbsthilfegruppe: Reden hilft. Sprechen Sie mit Menschen, denen Sie vertrauen und mit denen Sie sich am wohlsten fühlen. Auch das Gespräch mit anderen Betroffenen kann zu einem Rückgang negativer Verhaltensweisen beitragen.
- Bleiben Sie informiert. Schaffen Sie sich Sicherheit und Kontrolle, indem Sie verstehen, was mit Ihnen passiert und warum. Erfragen Sie beispielsweise beim behandelnden Arzt oder bei Ihrer Ärztin die Ursachen für Ihren Schlaganfall und wie Sie einen weiteren Schlaganfall vermeiden können. Ergotherapeuten können Sie darüber informieren, wie es beruflich weitergehen kann. Auch Informationen über finanzielle Unterstützung können Ihnen ein Stück Kontrolle zurückgeben.
- Schonen Sie sich. Vermeiden Sie bestmöglich Stressauslöser wie laute Geräusche oder grelles Licht. Hören Sie auf Ihren Körper und gönnen Sie ihm die Zeit, die er zur Genesung braucht.
- Bleiben Sie dran. Bleiben Sie mit den Menschen in Kontakt, die schon vor dem Schlaganfall wichtig für Sie waren. Konzentrieren Sie sich auf die Ihnen wohlvertrauten Dinge, die Sie auch nach Ihrem Schlaganfall beibehalten können. Setzen Sie sich kleine Ziele und behalten Sie Ihren Fortschritt im Auge.
- Bleiben Sie so aktiv wie möglich. Bei einem aktiven Lebensstil setzt unser Körper Botenstoffe frei, die uns glücklicher machen. Bewegung hilft also bei einer Vielzahl negativer Emotionen, auch bei Wut und Aggression. Schon ein kurzer Spaziergang oder Gartenarbeit können viel bewirken. Bei körperlichen Einschränkungen können viele Bewegungen angepasst oder beispielsweise Stuhlübungen durchgeführt werden. Yoga und Tai-Chi sind aufgrund ihrer Achtsamkeits- und Entspannungselemente auch hervorragende Aktivitäten, die Aggressionen entgegenwirken.
- Erlernen und nutzen Sie Entspannungstechniken. Entspannungstechniken konzentrieren sich meist auf die Atmung oder das Lösen von Muskelverspannungen. Die so herbeigeführte Entspannung kann sich positiv auf Aggressionszustände auswirken.
- Führen Sie Tagebuch. Schreiben Sie Ihre Gefühle nieder oder drehen Sie ein Video-Tagebuch. Das kann Ihnen helfen, mit Ihren negativen Gedanken und Gefühlen umzugehen.
- Verwandeln Sie Aggressivität in Kreativität. Bringen Sie Ihre Wut oder negative Gefühle in Farben und Formen auf Papier. Schreiben Sie kleine Songs oder Gedichte darüber, wie Sie empfinden. Oder halten Sie Stimmungen in Fotos fest. Auf diese Weise setzen Sie sich mit den Gefühlen auseinander und schaffen möglicherweise ein Kunstwerk, das Ihnen wiederum ein positives Gefühl gibt.
- Lassen Sie Frustration und Wut kontrolliert raus. Wenn Wut und Frustration aufkommen, unterdrücken Sie diese nicht. Sport bietet ein gutes Ventil, um “Dampf abzulassen”. Aber auch Weinen oder in ein Kissen schlagen kann helfen, diese Emotionen kontrolliert rauszulassen.
- Entwickeln Sie Notfallstrategien mit Ihren Angehörigen. Lassen Sie sich von Ihren Angehörigen darauf hinweisen, wenn Sie beginnen, aggressiv zu werden. Überlegen Sie sich gemeinsam eine Strategie, was Sie in diesem Fall tun können, um sich und Ihren Angehörigen nicht zu schaden. Sie können zum Beispiel vereinbaren, dass Ihre Angehörigen für 15 Minuten den Raum verlassen, damit Sie Zeit haben, sich mit Ihren Gefühlen auseinanderzusetzen.16,18
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Die Zeit nach der Klinik ist für Angehörige oft die größte Herausforderung. Unser Online-Kurs führt Sie in 13 kompakten Modulen durch die Zeit danach. Der Kurs ist ein kostenfreies Angebot gesetzlicher Krankenkassen nach § 45 SGB XI.
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Autoren
Dipl.-Biol. Claudia Helbig unter Mitarbeit von Dr. med. Johannes Heinemann
Claudia Helbig ist Diplom-Human- und Molekularbiologin und hat zuvor eine Ausbildung zur Arzthelferin absolviert. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Medizinischen Biochemie und Molekularbiologie hat sie Medizinstudenten in Pathobiochemie-Seminaren und Praktika betreut. Nach Ihrer Arbeit in der pharmazeutischen Forschung hat sie in einem Auftragsforschungsinstitut für klinische Studien unter anderem Visiten mit Studienteilnehmern zur Erhebung von Studiendaten durchgeführt und Texte für die Website verfasst. Mit ihrem interdisziplinären Hintergrund und ihrer Leidenschaft zu schreiben möchte sie naturwissenschaftliche Inhalte fachlich fundiert, empathisch und verständlich an Interessierte vermitteln. [mehr]
Quellen
- Poststroke Aggressiveness - Autoren: A. Carota, J. Bogousslavsky, P. Calabrese - Publikation: José M. Ferro (Herausgeber), Neuropsychiatric Symptoms of Cerebrovascular Diseases, Springer Verlag, London (2013), S. 161-188 - ISBN: 978-1-4471-2427-6, 978-1-4471-2428-3 - URL: https://link.springer.com/10.1007/978-1-4471-2428-3_8
- Combative or Aggressive Behavior After Stroke: Understanding & Coping with Anger; (letzte Aktualisierung am 05.01.2023; abgerufen am 17.09.2025) - Autor: Flint Rehab - Medizinische Überprüfung: Mariah Kellog PT, DPT - URL: https://www.flintrehab.com/aggressive-behavior-after-stroke/
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- Stroke Snapshot: Poststroke Mood Disorders - Poststroke mood disorders are common, disablung, underrecognized, and undertreated.; (heruntergeladen am 23.09.2025) - Autorinnen: Alexis Dallara-Marsh MD, Waimai Amy Tan MD - Publikation: Practical Neurology, Columns, Jun 2020 Issue - URL: https://practicalneurology.com/diseases-diagnoses/stroke/stroke-snapshot-poststroke-mood-disorders/31680/
- Psychological Problems after Stroke and Their Management: State of Knowledge - Autoren: Ian I. Kneebone, Nadina B. Lincoln - Publikation: Neuroscience and Medicine, 3(1):83-89, March 2012 - DOI: 10.4236/nm.2012.31013
- Spectrum of neuropsychiatric symptoms in chronic post-stroke aphasia - Autoren: Lisa Edelkraut, Diana López-Barroso, María José Torres-Prioris, Sergio E. Starkstein, Ricardo E. Jorge, Jessica Aloisi, Marcelo L. Berthier; Guadalupe Dávila - Publikation: World J Psychiatry. 2022 Mar 19;12(3):450-469 - DOI: 10.5498/wjp.v12.i3.450
- Gehirnschäden nach Gehirnregion; (überprüft/überarbeitet 08/2023; abgerufen am 17.09.2025) - Autor: Juebin Huang - Prüfer: Michael C. Levin - URL: https://www.msdmanuals.com/de/heim/störungen-der-hirn-rückenmarks-und-nervenfunktion/funktionsstörungen-des-gehirns/gehirnschäden-nach-gehirnregion
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- Understanding Sudden Aggressive Behavior Post Stroke; NewGait (erstellt am 03.04.2024; letzte Aktualisierung am 03.12.2024; abgerufen am 24.09.2025) - URL: https://thenewgait.com/blog/understanding-sudden-aggressive-behavior-post-stroke/
- Das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen - Unterstützung für Frauen in Not; Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben; (abgerufen am 19.09.205) - URL: https://www.hilfetelefon.de/das-hilfetelefon/
- Auch Männer erleben Gewalt - Ein Interview mit Andreas Haase vom Männerhilfetelefon; Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben; (erstellt am 05.04.2022; abgerufen am 19.09.2025) - URL: https://www.hilfetelefon.de/aktuelles/auch-maenner-erleben-gewalt/
- Schutz von Kindern vor Gewalt: Anlaufstellen und Beratungsangebote; Deutsches Komitee für UNICEF e.V.; (abgerufen m 24.09.2025) - URL: https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/gewalt-gegen-kinder-beenden/anlaufstellen-und-beratungsangebote-bei-gewalt
- Modifizierte Skala für offensichtliche Aggressionen; Vorstellung der deutschen Übersetzung der Modified Overt Aggression Scale); (heruntergeladen am 22.09.2025) - Autoren: C. Schanze, C. Hemmer-Schanze, S. Walter-Fränkel, S. Elstner - Publikation: Inklusive Medizin, Jahrgang 16, Heft 1 (07/2019) - URL: https://fobiport.de/wp-content/uploads/2021/03/fobiport_MOAS_Artikel_20210306_Text_Abb.pdf
- Modifizierte Skala für offensichtliche Aggressionen (MOAS-D); (erstellt: 07/2019; heruntergeladen am 22.09.2025) - Autoren: C. Schanze, C. Hemmer-Schanze, S. Walter-Fränkel, S. Elstner - URL: https://fobiport.de/wp-content/uploads/2021/02/fobiport_MOAS-D.pdf
- Modul 3 - Verhaltensweisen und psychische Problemlagen; AOK-Bundesverbrand eGbR - Arbeitsgemeinschaft von Körperschaften des öffentlichen Rechts; (abgerufen am 22.09.2025) - URL: https://www.aok.de/gp/pflegebeduerftigkeit/begutachtungsinstrument/modul-3
- A complete guide to Emotional changes after stroke; Stroke Association; (erstellt 04/2015; heruntergeladen 18.09.2025) - URL: https://www.stroke.org.uk/sites/default/files/complete_guide_to_emotional_changes_after_stroke.pdf
- Post-stroke Mood and Emotional Disturbances: Pharmacological Therapy Based on Mechanisms - Autor: Jong S. Kim - Publikation: J Stroke. 2016 Sep;18(3):244-255 - DOI: 10.5853/jos.2016.01144
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