Kokainkonsum: Schlaganfallrisiko bei jungen Menschen? ▷ Studie

Kokainkonsum erhöht das Risiko für Hirninfarkte, Hirnblutungen und Subarachnoidalblutungen (Foto: xpixel | Shutterstock)
In diesem Artikel:
- Das Wichtigste in Kürze
- Kokain und Schlaganfall-Risikofaktoren
- Meta-Analyse zu Kokain als Schlaganfall-Risikofaktor
- Ablauf der Meta-Analyse
- Ergebnisse der Meta-Analyse
- Schlussfolgerungen und Zusammenfassung
Das Wichtigste in Kürze:
Für alle, die gleich in die Tiefe gehen und mehr wissen möchten: Hier geht es zur ausführlichen Version des Artikels.Kokainkonsum erhöht das Risiko für Hirninfarkte, Hirnblutungen und Subarachnoidalblutungen (SAB). Betroffen sind insbesondere Erwachsene unter 50 Jahren und Menschen afroamerikanischer Abstammung.
Die Entstehung eines Schlaganfalls nach Kokainkonsum wird über verschiedene Mechanismen gefördert. Dazu gehören eine vorübergehende Blutdrucksteigerung und die Beeinflussung von Blutgerinnung und Gefäßwänden.
Kokainkonsum kann zu Schlaganfallkomplikationen führen, die mit einer erhöhten Sterblichkeit verbunden sind.
Von einem Schlaganfall betroffene Kokain-Konsumierende profitieren von zusätzlichen medizinischen Überwachungen. Das können eine kontinuierliche Messung der Hirnstrom-Aktivität mittels EEG (Elektroenzephalographie) und Ultraschalluntersuchungen wie der Doppler- und Duplexsonographie sein.
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Kokain kann Schlaganfall-Risikofaktoren beeinflussen
Im letzten Jahrzehnt ist der Kokainkonsum gestiegen. Etwa 20 Millionen Erwachsene weltweit konsumierten Schätzungen nach zwischen 2010 und 2019 jährlich diese süchtig machende Droge.
Kokain imitiert beziehungsweise verstärkt die Wirkung des Sympathikus als Teil des vegetativen Nervensystems.
Studien deuten darauf hin, dass verschiedene Mechanismen im Zusammenhang mit Kokain zur Entstehung von Schlaganfällen beitragen können.
Zusammenhänge Kokain und Schlaganfall
- Kokain kann den Blutdruck vorübergehend stark erhöhen und dadurch das Auftreten von Hirnblutungen fördern.
- Durch Kokainkonsum können sich Blutgefäße plötzlich krampfartig verengen und eine Minderdurchblutung (Ischämie) des nachfolgenden Gewebes verursachen. Sobald der Krampf nachlässt, kann es zu Blutungen kommen.
- Kokainkonsum kann die Blutgerinnung und die Gefäßwände negativ beeinflussen, wodurch die Blutgefäße anfälliger für Risse und Blutungen werden.
- Kokain kann zur Verklumpung der Blutplättchen (Thrombozyten) beitragen und so die Entstehung von Blutgerinnseln (Thrombenbildung) fördern, die nachfolgend zu einem Gefäßverschluss führen.

Wie Kokain zur Entstehung eines Schlaganfalls beitragen kann. Kokainkonsum fördert über verschiedene Mechanismen die Entstehung von Schlaganfällen. Er kann vorübergehend den Blutdruck steigen lassen und so das Risiko für eine Hirnblutung erhöhen. Durch Kokain können sich Blutgefäße zeitweise krampfartig verengen (Vasospasmus). Dadurch kann es zunächst zur Minderdurchblutung und beim Auflösen des Krampfes zu einer Blutung kommen. Kokain wirkt sich zudem negativ auf die Blutgerinnung und die Gefäßwände aus, wodurch Gefäßwände instabil werden und reißen können. Auch eine Verklumpung der Blutplättchen (Thrombozyten) zu einem Thrombus kann durch Kokainkonsum auftreten. Der Thrombus kann nachfolgend ein Blutgefäß verschließen und so einen Hirninfarkt auslösen.
Meta-Analyse zu Kokain als Schlaganfall-Risikofaktor
Ein Forschungsteam untersuchte in einer zusammenfassenden Übersichtsarbeit, wie Kokain konkret die Entstehung von Schlaganfällen beeinflussen kann und wie es die Gesundheit der Blutgefäße im Gehirn der betroffenen Personen beeinträchtigt.1
Was ist eine Meta-Analyse?
Eine Meta-Analyse bewertet zusammenfassend die Ergebnisse verschiedener Studien, die unabhängig voneinander durchgeführt wurden, nach statistischen Maßstäben.2
Ablauf der Meta-Analyse
Die Forschenden durchsuchten drei große wissenschaftliche Datenbanken nach Studien, die Informationen und Ergebnisse zu Hirninfarkten und Hirnblutungen im Zusammenhang mit Kokainkonsum enthielten.
Die analysierten Studien
- wurden ausschließlich mit erwachsenen Studienteilnehmenden über 18 Jahren durchgeführt
- wurden mit mindestens 5 Studienteilnehmenden durchgeführt
- enthielten klinisch relevante Informationen zu Patientinnen und Patienten mit Hirninfarkt oder Hirnblutung im Zusammenhang mit Kokainkonsum
- unterschieden klar zwischen Kokain und anderen illegalen Drogen.
Nach Berücksichtigung aller Ein- und Ausschlusskriterien wurden 36 Studien mit insgesamt 721.702 Studienteilnehmenden ausgewertet. Von diesen konsumierten 6.281 Kokain.
Ablauf der Meta-Analyse
Analysierte Schlaganfall-Typen
- 24 Studien beschäftigten sich mit Subarachnoidalblutungen (SAB) nach Kokainkonsum
- 18 Studien untersuchten Hirnblutungen im Zusammenhang mit Kokainkonsum
- 14 Studien analysierten kokain-assoziierte Hirninfarkte
Die einbezogenen Studien waren meist nicht auf einen Schlaganfall-Typ beschränkt.
Ergebnisse der Meta-Analyse
Zusammenhang mit Alter, Abstammung und Geschlecht
Betroffene Personen mit Hirninfarkt, Hirnblutung oder Subarachnoidalblutung nach kürzlichem Kokainkonsum waren mit durchschnittlich unter 50 Jahren insgesamt jünger als solche mit einem Schlaganfall anderer Ursache.
Es konnte ein deutlicher Zusammenhang zwischen afroamerikanischer Abstammung und kokain-assoziierten Schlaganfällen hergestellt werden.
Schlaganfälle nach kürzlichem Kokainkonsum traten häufiger bei Männern auf als bei Frauen.
Vermehrt nach Kokainkonsum auftretende Schlaganfall-Typen
Kokainkonsum kurz vor dem Schlaganfall erhöhte deutlich das Risiko für Hirninfarkte (ischämischer Schlaganfall), Hirnblutungen (hämorrhagischer Schlaganfall) und Subarachnoidalblutungen.
Konkret stieg das Risiko für diese Schlaganfall-Typen nach Kokainkonsum auf das 5-fache.
Häufigkeit der Schlaganfall-Typen nach Kokainmissbrauch
Das Risiko einer Hirnblutung war nach kürzlichem Kokainmissbrauch deutlich stärker erhöht als das Risiko eines Hirninfarkts.
Es wurde ein direkter Zusammenhang zwischen der Menge von Kokain und seinen Stoffwechselprodukten im Körper und dem Auftreten von Hirnblutungen und Subarachnoidalblutungen festgestellt.
Schweregrad des Schlaganfalls nach Kokainkonsum
Kokain-Konsumenten und Nicht-Konsumenten zeigten keinen statistisch relevanten Unterschied im Schweregrad des Schlaganfalls.
Blutgerinnung nach Kokainkonsum
Es gab Hinweise auf eine verkürzte Gerinnungszeit und Blutgerinnselstärke bei Personen, die vor dem Schlaganfall Kokain konsumierten.
Auftreten von Gefäßmissbildungen bei Kokain-Konsumenten
Gefäßmissbildungen wie eine Aussackung an einem Blutgefäß (Aneurysma) traten bei Kokainkonsumierenden häufiger auf.
Schlaganfall-bedingte Sterberate nach Kokainkonsum
Betroffene Personen starben nach einem Hirninfarkt, einer Hirnblutung oder einer SAB deutlich häufiger, wenn sie vor dem Schlaganfall Kokain konsumierten.
Schlussfolgerungen und Zusammenfassung
Die Ergebnisse der Meta-Analyse deuten auf Kokainkonsum als starken Risikofaktor für ischämische und hämorrhagische Schlaganfälle hin, also Hirninfarkte und Hirnblutungen.
Insbesondere bei jüngeren Personen und Menschen mit afroamerikanischer Abstammung führt Kokainkonsum zu einem deutlich erhöhten Schlaganfallrisiko.
Hirnblutungen, Subarachnoidalblutungen und Hirninfarkte scheinen im Zusammenhang mit Kokainkonsum darüber hinaus mit einer höheren Sterblichkeit, der krampfhaften Verengung der Blutgefäße und Krampfanfällen in Verbindung zu stehen.
Die letzteren beiden Komplikationen sind mit weiteren, potenziell vermeidbaren Hirnschädigungen und Todesfällen in der Zeit nach dem Schlaganfall verbunden.
Kokain-Konsumierende profitieren nach einem Schlaganfall daher von zusätzlichen medizinischen Überwachungen, beispielsweise mittels kontinuierlicher Elektroenzephalographie (EEG) und routinemäßigen Dopplersonographie-Untersuchungen bei einer SAB.
Schwankungen in der Strömungsmechanik des Blutes durch wiederholten Kokainkonsum können die frühe Bildung von Aneurysmen fördern.
Patienten mit mehreren Aneurysmen entwickeln mit hoher Wahrscheinlichkeit weitere Aneurysmen. Darüber hinaus können bestehende Aneurysmen sich vergrößern und reißen.
Einschränkungen der Aussagekraft der Meta-Analyse
Die Aussagekraft der Meta-Analyse ist unter anderem durch die Qualität der wissenschaftlichen Belege hinsichtlich der exakten Abgrenzung der Schlaganfall-Typen eingeschränkt. Viele Studien untersuchten sowohl Hirninfarkte als auch Hirnblutungen.
Da der Kokainkonsum und die damit verbundene Sterblichkeit im letzten Jahrzehnt gestiegen sind, ist es für medizinische Fachkräfte wichtig zu erkennen, wie sich Erkrankungen der Blutgefäße im Gehirn bei Kokainkonsumierenden darstellen.
Ein erster Schritt zur Vermeidung steigender Schlaganfallzahlen durch Kokainkonsum besteht im verstärkten Einsatz von Aufklärungskampagnen.
Durch diese kann die Bevölkerung verstärkt auf die erheblichen Gesundheitsrisiken durch Kokainkonsum hingewiesen werden. Insbesondere hinsichtlich des Risikos für Gefäßerkrankungen im Gehirn, wie dem Schlaganfall.
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Die Zeit nach der Klinik ist für Angehörige oft die größte Herausforderung. Unser Online-Kurs führt Sie in 13 kompakten Modulen durch die Zeit danach. Der Kurs ist ein kostenfreies Angebot gesetzlicher Krankenkassen nach § 45 SGB XI.
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Autoren
Dipl.-Biol. Claudia Helbig unter Mitarbeit von Prof. Dr. med. Hans Joachim von Büdingen
Claudia Helbig ist Diplom-Human- und Molekularbiologin und hat zuvor eine Ausbildung zur Arzthelferin absolviert. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Medizinischen Biochemie und Molekularbiologie hat sie Medizinstudenten in Pathobiochemie-Seminaren und Praktika betreut. Nach Ihrer Arbeit in der pharmazeutischen Forschung hat sie in einem Auftragsforschungsinstitut für klinische Studien unter anderem Visiten mit Studienteilnehmern zur Erhebung von Studiendaten durchgeführt und Texte für die Website verfasst. Mit ihrem interdisziplinären Hintergrund und ihrer Leidenschaft zu schreiben möchte sie naturwissenschaftliche Inhalte fachlich fundiert, empathisch und verständlich an Interessierte vermitteln. [mehr]
Quellen
- Cocaine and Ischemic or Hemorrhagic Stroke: A Systematic Review and Meta-Analysis of Clinical Evidence - Autoren: Luis F. Rendon, Stephanie Malta, Jacob Leung, Rafael Badenes, Ala Nozari, Federico Bilotta - Publikation: J Clin Med. 2023 Aug 10;12(16):5207 - DOI: 10.3390/jcm12165207
- Methodik klinischer Studien: methodische Grundlagen der Planung, Durchführung und Auswertung; 3. überarbeitete Auflage - Autoren: Martin Schumacher, Gabi Schulgen - Publikation: Springer-Verlag Berlin 2009 - ISBN: 978-3-540-85135-6 - DOI: 10.1007/978-3-540-85136-3

