CHA2DS2-VA-Score bei Vorhofflimmern ▷ Wie hoch ist das Schlaganfallrisiko?

Der CHA2DS2-VA-Risikoscore ist ein Bewertungssystem, das das Schlaganfallrisiko bei der Herzrhythmusstörung Vorhofflimmern einschätzt (Foto: YAKOBCHUK VIACHESLAV | Shutterstock)
In diesem Artikel:
- Das Wichtigste in Kürze
- Was ist der CHA2DS2-VA-Risikoscore?
- Behandlungsempfehlungen auf Grundlage des CHA2DS2-VA-Risikoscores
Das Wichtigste in Kürze:
Für alle, die gleich in die Tiefe gehen und mehr wissen möchten: Hier geht es zur ausführlichen Version des Artikels.Der CHA2DS2-VA-Risikoscore ist ein Bewertungssystem, das das Schlaganfallrisiko bei der Herzrhythmusstörung Vorhofflimmern einschätzt. Diese Risikoeinschätzung wird in den Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) seit 2024 empfohlen.1 Als geschlechtsunabhängige Variante des bislang empfohlenen CHA2DS2-VASc-Scores bietet sie eine Entscheidungshilfe für die Verschreibung von Gerinnungshemmern als vorbeugende Therapie zur Vermeidung eines Schlaganfalls.
Das Bewertungsinstrument berücksichtigt 7 Faktoren, die das Schlaganfallrisiko erhöhen; darunter das Alter und bestimmte Grunderkrankungen. Die einzelnen Faktoren erhalten eine Punktzahl.
Mit steigender Punktzahl steigt auch das Schlaganfallrisiko und die Notwendigkeit einer vorbeugenden gerinnungshemmenden Medikation oder eines Herzschrittmachers.
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Was ist der CHA2DS2-VA-Risikoscore?
Der CHA2DS2-VA-Risikoscore ist eine Variante des bislang empfohlenen CHA2DS2-VASc-Risikoscores. Sie wurde mit den aktualisierten ESC-Leitlinien zum Management von Vorhofflimmern vom November 2024 eingeführt. Die Leitlinien werden von der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie herausgegeben.
Grundsätzlich dienen beide Systeme der Einschätzung des Risikos von Patienten mit Vorhofflimmern für das Auftreten eines Schlaganfalls durch Blutgerinnsel aus dem Herzen. Neu ist die Vernachlässigung des Geschlechts bei der Risikobewertung. Bislang ist man von einem höheren Risiko für das weibliche Geschlecht ausgegangen. Nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen ist die Bedeutung des Geschlechts für das Schlaganfallrisiko jedoch vernachlässigbar gering.1,2
Das Bewertungsinstrument bezieht 7 Risikofaktoren für die Entstehung eines Schlaganfalls in die Berechnung des individuellen Risikos ein. Diese sind auch für die Namensgebung des Bewertungssystems verantwortlich:
| Bedeutung(englisch) | Bedeutung(deutsch) | Punkte | |
|---|---|---|---|
| C | Congestive heart failure | Herzschwäche mit eingeschränkter Pumpleistung des Herzens | 1 |
| H | Hypertension | Bluthochdruck | 1 |
| A2 | Age ≥ 75 | Alter von oder über 75 Jahren | 2 |
| D | Diabetes mellitus | „Zuckerkrankheit” (Diabetes mellitus) | 1 |
| S2 | Stroke / TIA / Thromboembolism | Schlaganfall, „Mini-Schlaganfall” (TIA), verschlepptes Blutgerinnsel in der Vorgeschichte | 2 |
| H | Vascular disease | Gefäßerkrankung | 1 |
| A | Age 65 to 74 | Alter zwischen 65 und 74 Jahren | 1 |
Die Basis für das Bewertungsinstrument, der sogenannte CHA2DS2-VASc-Score, beinhaltete als zusätzlichen Bewertungsfaktor das Geschlecht. Der Namensbestandteil Sc stammt aus dem Englischen und steht für Sex category, also der Kategorie Geschlecht.
Welche Behandlungsempfehlungen ergeben sich aus der Bestimmung des CHA2DS2-VA-Risikoscores?
Dringliche Empfehlung zur vorbeugenden Verordnung von Gerinnungshemmern
Eine Hemmung der Blutgerinnung durch Einnahme gerinnungshemmender Medikamente, der sogenannten Antikoagulantien, wird bereits ab einem CHA2DS2-VA-Score von 2 als medizinisch vorteilhaft und notwendig angesehen.
Dafür sprechen Erfahrungswerte aus der medizinischen Praxis und wissenschaftlich belegte Zusammenhänge zwischen einem Punktwert über 1 und einem erhöhten Schlaganfallrisiko.
Man spricht in diesem Fall von einer Klasse-I-Empfehlung durch die Leitlinien. Eine solche Empfehlung wird üblicherweise ausgesprochen, wenn eine Behandlung erwiesenermaßen wirksam ist und der Nutzen der Empfehlung die möglichen Risiken eindeutig überwiegt.
Empfehlung zur Berücksichtigung der Vorteile einer vorbeugenden Gerinnungshemmung
Bei einem CHA2DS2-VA-Risikoscore von einem Punkt ist die Empfehlung zur Verordnung einer gerinnungshemmenden Behandlung zwar nicht eindeutig, es sollten aber Risiko und Nutzen unter Einbeziehung aller bekannten Einflussfaktoren gründlich gegeneinander abgewogen werden. Man spricht von einer Klasse-IIa-Empfehlung.
Was bedeutet das nun für die Entscheidung, ob gerinnungshemmende Medikamente verordnet werden sollen oder nicht? Bei einer Klasse-IIa-Empfehlung spielen vor allem auch andere Faktoren, wie die jeweilige gesundheitliche Gesamtsituation, eine bedeutende Rolle bei der Entscheidungsfindung.
Die meisten Patientinnen und Patienten werden von einer Behandlung profitieren, aber nicht alle. Es sollten auf jeden Fall auch alternative Behandlungsansätze in Erwägung gezogen werden, bevor abschließend eine Beurteilung über den Nutzen einer vorbeugenden gerinnungshemmenden Therapie erfolgt.
Indirekter Zusammenhang zwischen CHA2DS2-VA-Risikoscore und der Notwendigkeit eines Herzschrittmachers
Der CHA2DS2-VA-Risikoscore bietet eine einfache Entscheidungshilfe darüber, ob der Einsatz von Gerinnungshemmern bei Personen mit Vorhofflimmern sinnvoll und notwendig ist, um einem Schlaganfall vorzubeugen.
Der Score könnte aber auch indirekt die Entscheidung über den Einsatz eines Herzschrittmachers beeinflussen. Bei Vorhofflimmern und hohem CHA2DS2-VA-Risikoscore, also bei einem hohen Schlaganfallrisiko, wird der Einsatz von gerinnungshemmenden Medikamenten bereits dringend empfohlen.
Leidet eine Person zusätzlich an anderen Herzrhythmusstörungen oder einem Herzblock, bei dem das Herz langsam und unregelmäßig schlägt und sogar für einige Sekunden stehen bleibt, wird darüber hinaus ein Herzschrittmacher dringend notwendig.

In nationalen und internationalen Leitlinien häufig angegebene Empfehlungsklassen zur Notwendigkeit der Durchführung diagnostischer oder therapeutischer Maßnahmen.3
CHA2DS2-VA-abhängige gerinnungshemmende Behandlung vor Beseitigung des Vorhofflimmerns durch Verödung
Um das Herz bei Patienten und Patientinnen mit Vorhofflimmern wieder in den normalen Sinusrhythmus eines gesunden Menschen zu bringen, stehen grundsätzlich zwei Möglichkeiten zur Verfügung: die Behandlung mit als Antiarrhythmika bezeichneten Medikamenten oder ein kleiner Eingriff, bei dem die für das Vorhofflimmern verantwortlichen elektrischen Störfelder im linken Vorhof durch Verödung beseitigt werden. Diese Verödung wird in der medizinischen Fachsprache als Katheterablation bezeichnet.
Die aktuellen Leitlinien von November 2024 empfehlen die Einleitung einer gerinnungshemmenden Therapie mindestens 3 Wochen vor dem als Katheterablation bezeichneten Eingriff, und zwar in Abhängigkeit vom ermittelten CHA2DS2-VA-Punktwert.
Auch für den Eingriff selbst soll die Therapie nicht unterbrochen und diese darüber hinaus unabhängig vom CHA2DS2-VA-Punktwert für mindestens 8 Wochen unverändert fortgesetzt werden. Danach soll nicht der Erfolg des Eingriffs, sondern das Schlaganfallrisiko über die weitere Therapie entscheiden.
CHA2DS2-VA-unabhängige Empfehlung für den Einsatz von gerinnungshemmenden Medikamenten
Während die Behandlungsempfehlung mit gerinnungshemmenden Medikamenten in den meisten Fällen vom Ergebnis des CHA2DS2-VA-Score abhängt, gibt es auch einige Fälle, in denen eine unabhängige Behandlungsempfehlung erfolgen sollte. Dazu zählen Personen mit Vorhofflimmern und einem angeborenen Herzfehler, der im Zuge einer Operation am Herzen behandelt wurde.
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Autoren
Dipl.-Biol. Claudia Helbig unter Mitarbeit von Prof. Dr. med. Hans Joachim von Büdingen
Claudia Helbig ist Diplom-Human- und Molekularbiologin und hat zuvor eine Ausbildung zur Arzthelferin absolviert. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Medizinischen Biochemie und Molekularbiologie hat sie Medizinstudenten in Pathobiochemie-Seminaren und Praktika betreut. Nach Ihrer Arbeit in der pharmazeutischen Forschung hat sie in einem Auftragsforschungsinstitut für klinische Studien unter anderem Visiten mit Studienteilnehmern zur Erhebung von Studiendaten durchgeführt und Texte für die Website verfasst. Mit ihrem interdisziplinären Hintergrund und ihrer Leidenschaft zu schreiben möchte sie naturwissenschaftliche Inhalte fachlich fundiert, empathisch und verständlich an Interessierte vermitteln. [mehr]
Quellen
- Die 2024 ESC-Leitlinien zum Management von Vorhofflimmern (2024) - Autoren: Wolfes, Julian; Eckardt, Lars - Publikation: Herzschr Elektrophys 35, 318–323 (2024) - DOI: 10.1007/s00399-024-01053-7
- Gender and contemporary risk of adverse events in atrial fibrillation (2024) - Autoren: Champsi, Asgher; Mobley, Alastair R.; Subramanian, Anuradhaa; Nirantharakumar, Krishnarajah; Wang, Xiaoxia; Shukla,David; Bunting, Karina V.; Molgaard, Inge; Dwight, Jeremy; Arroyo, Ruben Casado; Crijns, Harry J. G. M.; Guasti, Luigina; Lettino, Maddalena; Lumbers, R. Thomas; Maesen, Bart; Rienstra, Michiel; Svennberg, Emma ; Țica, Otilia; Traykov, Vassil; Tzeis, Stylianos; van Gelder, Isabelle; Kotecha, Dipak - Publikation: European Heart Journal, Volume 45, Issue 36, 21 September 2024, Pages 3707–3717 - DOI: 10.1093/eurheartj/ehae539
- Innere Medizin, 13. Auflage; Kardiologie; Grundlagen der Kardiologie; Empfehlungsklassen und Evidenzgrade (2010) - Autoren: Breithardt, Günter; Wichter, Thomas - Publikation: Georg Thieme Verlag KG, Stuttgart - DOI: 10.1055/b-002-35711 - ISBN: 978-3-13-552213-5; 978-3-13-190843-8


