Migräne und Schlaganfallrisiko bei jungen Erwachsenen

Erhöht eine Migräne das Risiko für einen Schlaganfall? (Foto: Krakenimages.com | Shutterstock)
In diesem Artikel:
- Das Wichtigste in Kürze
- Beschreibung der Studie
- Studienergebnisse
- Schlussfolgerung
- Aktuelle Erkenntnisse zur Datenlage
Das Wichtigste in Kürze:
Für alle, die gleich in die Tiefe gehen und mehr wissen möchten: Hier geht es zur ausführlichen Version des Artikels.Das Schlaganfallrisiko ist einer Studie zufolge bei Männern und Frauen, die unter einer Migräne mit Aura leiden, unabhängig von anderen Risikofaktoren um das 2,5‑Fache erhöht.
Die Migräne ist nicht direkt für das Auftreten eines Schlaganfalls verantwortlich. Die genauen Zusammenhänge müssen jedoch noch geklärt werden.
Betroffene von einer Migräne mit Aura sollten beachten: Treten bei Ihnen unbekannte oder länger als 15 Minuten anhaltende vermeintliche Aura-Symptome auf, sollten Sie umgehend vorsorglich den Notruf 112 wählen. Es könnte sich auch um einen Schlaganfall handeln.
Bei jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 34 Jahren spielen eher nicht-traditionelle Risikofaktoren wie die Migräne eine bedeutende Rolle bei der Entstehung eines Schlaganfalls. Ab 35 Jahren steigt der Einfluss traditioneller Risikofaktoren wie Bluthochdruck.
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Erhöht das Vorliegen einer Migräne bei Menschen zwischen 18 und 49 Jahren das Risiko, einen Schlaganfall ungeklärter Ursache zu erleiden? Mit dieser Frage beschäftigte sich eine Forschungsgruppe.
Bei 30 bis 50 Prozent der jungen Menschen mit einem ischämischen Schlaganfall kann die Ursache nicht sicher geklärt werden.
Schlaganfall unbekannter Ursache
Ein Schlaganfall, dessen Ursache nicht bekannt ist, wird in der medizinischen Fachsprache als kryptogener Schlaganfall bezeichnet. Das Wort leitet sich vom altgriechischen Wort kryptós ab, was übersetzt so viel wie verborgen bedeutet.
Die Studie
In dieser Studie1 wurden 347 junge Patientinnen und Patienten nach einem Hirninfarkt unklarer Ursache mit einer identischen Anzahl von zufällig ausgewählten Menschen gleichen Alters, Geschlechts und gleicher Herkunft, sogenannten matched pairs, ohne Schlaganfall verglichen.
Es wurde überprüft, ob bei Schlaganfallbetroffenen häufiger eine Migräne zu finden ist und ob beziehungsweise wie stark das Vorliegen einer Migräne das Schlaganfallrisiko erhöht.
Prospektive Studie
Die Bezeichnung prospektiv stammt aus dem Lateinischen und leitet sich von dem Wort prospicere ab. Es bedeutet so viel wie „in die Ferne schauen” oder „vorhersehen”.
Vor Studienbeginn wird eine Hypothese (Annahme) für die Studie festgelegt. Zu dieser Hypothese werden Daten erhoben.
Das zu untersuchende Ereignis wie ein Schlaganfall liegt zum Studienbeginn noch nicht vor und tritt, wenn überhaupt, erst im Verlauf der Studie auf. Beziehungsweise in der daran angeschlossenen Nachbeobachtungszeit.
Studienergebnisse
Das Risiko eines Schlaganfalls zeigte sich bei Menschen mit Migräne und Aura sowohl bei Frauen als auch bei Männern etwa um das 2,5‑Fache erhöht.
Diese Steigerung war unabhängig vom Vorliegen anderer Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Rauchen, Übergewicht oder die Zuckerkrankheit Diabetes. Bei Vorliegen einer unkomplizierten Migräne war aber kein erhöhtes Risiko nachzuweisen.
Migräne-Aura und ihre Erscheinungsformen
Die Migräne-Aura kann als Vorbote oder Warnung vor den schweren, meist halbseitigen Kopfschmerzen auftreten.
Sie bildet sich üblicherweise innerhalb einer Stunde zurück, bevor die typischen Migräne-Kopfschmerzen auftreten. In seltenen Fällen bleiben die Kopfschmerzen aus.
Folgende Aura-Symptome können unter anderem auftreten:
- Sehstörungen mit Lichtblitzen und Flimmern vor den Augen (Leitsymptom bei 99 Prozent der Aura-Migräne-Patienten)
- Empfindungsstörungen in einer Körperhälfte, beispielsweise als Kribbeln oder Taubheitsgefühl
- Gesichtsfelddefekte mit nachlassender oder ausfallender Sehkraft
- als Aphasie bezeichnete Sprachstörung
- selten Halbseitenlähmungen
Die Aura tritt bei etwa 15 bis 25 Prozent aller Migränepatienten auf. Es wird also nicht zwangsläufig jeder Migräneanfall durch eine Aura eingeleitet.
Eine Migräne mit neurologischen Symptomen wird als Migraine accompagnée bezeichnet.
Bei den Schlaganfallpatienten und -patientinnen wurde in etwa zwei Drittel der Fälle ein sogenanntes persistierendes Foramen ovale (PFO) gefunden, in der Kontrollgruppe dagegen nur bei einem Drittel. Besonders häufig wiesen Personen mit Migräne mit Aura ein PFO auf.
Persistierendes Foramen ovale (PFO)
Das sogenannte persistierende Foramen ovale, kurz PFO, ist ein Überrest aus der Embryonalentwicklung, während der natürlicherweise eine Verbindung zwischen den beiden Vorhöfen des Herzens besteht.
Üblicherweise schließt sich diese Verbindung nach der Geburt. Bei 20 bis 25 Prozent der gesunden Bevölkerung bleibt sie jedoch bestehen oder schließt sich nur unvollständig.
Besondere Bedeutung hat das PFO auch für die Entstehung eines Schlaganfalls.
Denn durch die nach der Geburt weiter bestehende Verbindung zwischen dem rechten und linken Vorhof des Herzens können Blutgerinnsel aus dem venösen System verschleppt werden und hirnversorgende Blutgefäße verschließen.
Zum Beispiel kann ein Blutgerinnsel aus einer Beinvenenthrombose auf diesem Weg in den Hirnkreislauf gelangen.
Schlussfolgerung
Jüngere Menschen mit einem ischämischen Schlaganfall, dessen Ursache unbekannt ist, leiden deutlich häufiger an einer Migräne mit Aura als die Bevölkerung im Durchschnitt.
Symptome bei Migräne nicht unterschätzen
Menschen mit Migräne-Aura, die vorübergehende neurologische Symptome bereits häufiger erlebt haben, neigen dazu, diese zu unterschätzen: “Wird schon wieder weggehen”.
Lassen Sie unter keinen Umständen wertvolle Zeit verstreichen.
Wählen Sie in folgenden Fällen umgehend die Notrufnummer 112:
- bei bisher unbekannten Symptomen
- bei Aura-Symptomen, die länger als 15 Minuten anhalten
- bei fehlenden Kopfschmerzen oder Auftreten von Symptomen nach oder gleichzeitig mit den Kopfschmerzen
Es könnte ein Schlaganfall sein! Bitte handeln Sie, denn: Zeit ist Hirn.
Kryptogener Schlaganfall und Migräne mit Aura
Der Zusammenhang zwischen kryptogenem Schlaganfall und Migräne mit Aura ist kein ursächlicher: Die Migräne verursacht nicht direkt den Schlaganfall.
Ein Beispiel: Blonde Menschen haben häufiger Sonnenbrand. Das hängt mit der geringeren Pigmentierung der Haut zusammen. Die blonde Haarfarbe selbst ist also nicht die Ursache für den Sonnenbrand.
Der genaue Zusammenhang zwischen Migräne mit Aura und Schlaganfall ist nicht geklärt. Ein Aspekt ist wahrscheinlich die Beobachtung, dass Menschen mit komplizierter Migräne auch häufiger ein PFO haben als der Durchschnitt der Bevölkerung.
Hinweis für Betroffene von Kopfschmerzen
Kopfschmerzen an sich, auch einfache, von einem Neurologen oder einer Neurologin gesichert festgestellte Migränekopfschmerzen sind nicht mit einem erhöhten Schlaganfallrisiko verbunden.
Wer hingegen an Migräne mit Aura leidet, hat ein leicht erhöhtes Schlaganfallrisiko. Hierbei treten häufig Sehstörungen auf, die den Kopfschmerzen vorausgehen.
Aktuelle Erkenntnisse stützen die bisherige Datenlage
Eine im April 2024 veröffentlichte retrospektive Fall-Kontroll-Studie US-amerikanischer Wissenschaftler kam zu dem Ergebnis, dass bei jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 34 Jahren vor allem das Vorliegen nicht-traditioneller Risikofaktoren wie Migräne für das Auftreten eines Schlaganfalls verantwortlich ist.2
Mit zunehmendem Alter verschiebt sich die Bedeutung der nicht-traditionellen Risikofaktoren für die Entstehung eines Schlaganfalls in Richtung der traditionellen Risikofaktoren wie dem Bluthochdruck, dem im Volksmund als Zuckerkrankheit bezeichneten Diabetes mellitus oder starkem Übergewicht.
Die Verteilung traditioneller Risikofaktoren erreichte ihren Höchststand im Alter von 35 bis 44 Jahren.
Bluthochdruck gilt nach aktuellen Erkenntnissen als bedeutendster traditioneller Risikofaktor für Schlaganfälle. Den gleichen Stellenwert schreibt man der Migräne als Vertreter der nicht-traditionellen Risikofaktoren zu.
Retrospektive Fall-Kontroll-Studie
Eine retrospektive Fall-Kontroll-Studie basiert auf bereits in der Vergangenheit erhobenen Daten (lat. retro = zurück, rückwärts und spectare = schauen, betrachten).
In der Regel werden hierbei zwei Personengruppen miteinander verglichen, beispielsweise gesunde Probanden mit Probanden, die einen Schlaganfall erlitten haben.
Es wird dann zum Beispiel rückwirkend untersucht, ob die Schlaganfall-Gruppe in der Vergangenheit Risikofaktoren ausgesetzt war, die bei der Gruppe der gesunden Probanden nicht vorlagen.

Altersabhängiger Einfluss traditioneller und nicht-traditioneller Risikofaktoren auf das Schlaganfallrisiko.
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Die Zeit nach der Klinik ist für Angehörige oft die größte Herausforderung. Unser Online-Kurs führt Sie in 13 kompakten Modulen durch die Zeit danach. Der Kurs ist ein kostenfreies Angebot gesetzlicher Krankenkassen nach § 45 SGB XI.
Artikel aktualisiert am: - Nächste geplante Aktualisierung am:
Autor
Dr. med. Thomas Staudacher ist Facharzt für Neurologie. Sein Schwerpunkt ist die Notfallbehandlung von Schlaganfällen. 20 Jahre lang leitete er eine Stroke Unit, also eine Spezialstation zur Akutbehandlung und Intensiv-Überwachung von Schlaganfall-Patienten. [mehr]
Quellen
- Association between Migraine and Cryptogenic Ischemic Stroke in Young Adults (2021) - Autoren: Martinez-Majander, Nicolas; Artto, Ville; Ylikotila, Pauli; Von Sarnowski, Bettina; Waje-Andreassen, Ulrike; Yesilot, Nilufer; Zedde, Marialuisa; Huhtakangs, Juh; Numminen, Heikki; Jäkälä, Pekka; Fonseca, Ana C.; Redfors, Petra; Wermer, Marieke J. H.; Pezzini, Alessandro; Putaala, Jukka; the SECRETO Study Group - Publikation: Annals of Neurology, Volume89, Issue2 February 2021, Pages 242-253 - DOI: 10.1002/ana.25937
- Association of Traditional and Nontraditional Risk Factors in the Development of Strokes Among Young Adults by Sex and Age Group: A Retrospective Case-Control-Study (2024) - Autoren: Leppert, Michelle H.; Poisson, Sharon N.; Scarbro, Sharon; Suresh, Krithika; Lisabeth, Lynda D.; Putaala, Jukka; Schwamm, Lee H.; Daugherty, Stacie L.; Bradley, Cathy J.; Burke, James F.; Ho, P. Michael - Publikation: Circ Cardiovasc Qual Outcomes. 2024;17:e010307 - DOI: 10.1161/CIRCOUTCOMES.123.010307
- Analysis of 1008 Consecutive Patients Aged 15 to 49 With First-Ever Ischemic Stroke – Autoren: Jukka Putaala, Antti J. Metso, Tiina M. Metso, Nina Konkola, Yvonn Kraemer, Elena Haapaniemi, Markku Kaste und Turgut Tatlisumak – Publikation: Stroke. 2009;40:1195–120 – DOI: 10.1161/STROKEAHA.108.529883

