Können Energy-Drinks einen Schlaganfall verursachen? ▷ Fallbericht

Energy-Drinks enthalten viel Zucker, Säuerungsmittel und Koffein (Foto: Tero Vesalainen | Shutterstock)
In diesem Artikel:
- Das Wichtigste in Kürze
- Fallbericht: Energy-Drinks und Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- In der Notaufnahme
- Behandlung
- Energy-Drink-Konsum: Ursache für Thalamusinfarkt und Bluthochdruck
- Schlussfolgerung
Das Wichtigste in Kürze:
Für alle, die gleich in die Tiefe gehen und mehr wissen möchten: Hier geht es zur ausführlichen Version des Artikels.Energy-Drinks enthalten viel Zucker und Säuerungsmittel. Vor allem enthalten sie Koffein.
Eine regelmäßige Überschreitung der Tageshöchstmenge von 400 Milligramm Koffein durch den Konsum von Energy-Drinks kann das Herz-Kreislauf-System auf mehrere Arten belasten und schwerwiegende Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie einen Schlaganfall verursachen.
Die Wechselwirkung der Inhaltsstoffe wie zum Beispiel Taurin, Guarana und Ginseng und deren koffeinverstärkende Wirkung stellen eine unterschätzte Gefahr dar.
Ein britischer Fallbericht zeigt, dass auch gesunde Menschen beim übermäßigen Konsum von Energy-Drinks dem Risiko eines Schlaganfalls ausgesetzt sein können.
Ärztinnen und Ärzte sollten bei einem Bluthochdruck ungeklärter Ursache daher den Konsum von Energy-Drinks abklären und ihre Patienten hinsichtlich der gesundheitlichen Risiken durch Energy-Drinks aufklären.
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Fallbericht: Energy-Drinks und Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Energy-Drinks enthalten meist große Mengen an Zucker- und Säuerungsmitteln. Auch der Koffeingehalt kann bei Konsum größerer Mengen Beschwerden wie Unruhe und Schlafstörungen verursachen.1
Der Fallbericht britischer Mediziner in der Fachzeitschrift BMJ Case Reports zeigt nun: Der übermäßige Konsum von Energy-Drinks kann auch bei ansonsten gesunden Menschen schwerwiegende Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen.2
In der Notaufnahme
Ein ansonsten gesunder und fitter Mann im Alter von etwa 50 Jahren stellte sich in der Notaufnahme vor.
Er zeigte folgende Symptome:
- Schwächeerscheinungen in der linken Körperhälfte
- Taubheitsgefühl (Hypästhesie)
- Störung von Gleichgewicht und Bewegungskoordination (Ataxie)
Sein Lebensstil liefert zunächst keine Erklärung für die Symptome:
- Nichtraucher
- kein Alkoholkonsum
- kein Drogenkonsum
Weitere Aspekte wurden im Rahmen der sozialen Patientenvorgeschichte nicht erfragt.
Die Verdachtsdiagnose: ein milder Schlaganfall.
Untersuchung in der Notaufnahme
Folgende Untersuchungsmethoden wurden angewandt:
- Blutdruckmessung
- allgemeine körperliche Untersuchung
- neurologische Untersuchung
- Anwendung eines 15-Punkte-Bewertungs-Instruments für die Einstufung der Schwere von Schlaganfällen, neurologischen Ausfällen und Erholung
- Kopfuntersuchung mittels Computertomographie (CT)
- CT-Angiographie
- Magnetresonanztomographie (MRT) des Kopfes
- Routine-Blutuntersuchungen (großes Blutbild, Erythrozyten-Sedimentationsrate, Nieren- und Leberfunktionswerte, Blutfette, Blutzucker, Schilddrüsenwerte und HbA1c)
- Elektrokardiogramm (EKG) im Bett
- 24-Stunden-EKG-Aufzeichnung (Langzeit-EKG)
- Ultraschalluntersuchung der Halsschlagader (Dopplersonographie/Duplexsonographie der Carotis)
- Spezielle Blutuntersuchungen (verschiedene Antikörper und Enzyme zum Ausschluss bestimmter genetisch bedingter Erkrankungen)
- Ultraschalluntersuchung des Herzens (Kontrast-Echokardiogramm)
Befunde der Untersuchung
Die Blutdruckmessung ergab einen deutlich erhöhten Blutdruck von 254/150 mmHg (Normalwert des Blutdrucks nach Alter und Geschlecht: 130/80 mmHg).
Die allgemeine körperliche Untersuchung ergab keinen auffälligen Befund.
Neurologisch stellte das behandelnde Team Folgendes fest:
- Taubheit (Hypästhesie) der gesamten linken Körperhälfte
- krankhafte Symptome des Kleinhirns, die ebenfalls die linke Körperhälfte betreffen
- auffälliger Finger-Nase-Versuch
- Unfähigkeit, schnelle Wechselbewegungen, wie zum Beispiel wiederholte, rasche Drehungen der Hand, auszuführen (Dysdiadochokinese)
Wozu dient der Finger-Nase-Versuch?
Der Finger-Nase-Versuch ist ein medizinischer Test zur Überprüfung der koordinativen Fähigkeiten.
Ablauf: Die untersuchte Person wird aufgefordert, zügig mit einer Armbewegung in weitem Bogen bei geschlossenen Augen ihren Zeigefinger zur Nasenspitze zu führen.
Zweck der Untersuchung: Zum einen kann mit diesem Test der Prozess der Bewegungsausführung, also die zielgerichtete Bewegung, überprüft werden. Das schließt die Planung, Koordination und Ausführung der Bewegung mit ein. Zum anderen gibt der Test Aufschluss über die Treffsicherheit und damit das Ergebnis des Bewegungsablaufs.
Mit dem Finger-Nase-Versuch kann die Funktionsfähigkeit des Kleinhirns untersucht werden.
So fällt eine Ataxie, also eine neurologische Störung, die die Koordination von Bewegungen und Körperhaltungen betrifft, durch unkoordinierte Bewegungsabläufe im Finger-Nase-Versuch auf.
Die Bewertung anhand der National Institutes of Health-Schlaganfall-Skala (NIHSS) ergab den Wert 4, was für einen milden Schlaganfall spricht.
Es konnten keine Halbseitensehstörung (Hemianopsie), keine verminderte Sprechfähigkeit (Dysphasie) und keine Vernachlässigung oder Wahrnehmungsstörung der linken Körperhälfte (Hemineglect) festgestellt werden. Eine Schädigung der Hirnrinde scheint daher unwahrscheinlich.
Motorisch ergab sich beim Vorhalteversuch ein leichtes Absinken des linken Arms gegenüber dem rechten Arm. Die Sehnenreflexe waren jedoch normal.
Die CT-Untersuchung des Kopfes zeigte keinen akuten Hirninfarkt und keine akute Hirnblutung. Die weiterführende CT-Angiographie zur Untersuchung der hirnversorgenden Blutgefäße zeigte jedoch Engstellungen in Hirnarterien (fokale Spasmen).
Diese können auf eine komplexe Erkrankung hindeuten, die das medizinische Fachpersonal als reversibles zerebrales Vasokonstriktionssyndrom (RCVS) bezeichnet und die als seltene Ursache für einen Schlaganfall gilt.3
Im MRT wurde ein kleiner rechtsseitiger Thalamusinfarkt (lakunärer Infarkt im rechten Thalamus) sichtbar. Die Routine-Blutuntersuchungen, die EKG-Untersuchungen, die Ultraschalluntersuchung der Halsschlagader und die speziellen Blutuntersuchungen fielen unauffällig aus.
Die Ultraschalluntersuchung des Herzens zeigte kein offenes Foramen ovale (PFO) und keine Einschränkungen der Herzklappen und Herzkammern.
Behandlung
Der Patient erhielt zunächst eine Physiotherapie und Ergotherapie zur Verbesserung seiner Beschwerden.
Um weiteren Hirninfarkten vorzubeugen, wurde er für drei Wochen medikamentös mit einer Kombination aus zwei Thrombozytenaggregationshemmern (Aspirin und Clopidogrel) und nachfolgend dauerhaft mit Clopidogrel und Atorvastatin behandelt.
Zur Blutdrucksenkung wurden Losartan und Amlodipin verschrieben. Der Patient wurde 3 Tage nach seiner Aufnahme ins Krankenhaus mit einem Blutdruck von 170/80 mmHg entlassen und angewiesen, seinen Blutdruck zu Hause regelmäßig zu messen und einen Monat auf das Autofahren zu verzichten.
Ambulante Nachsorge
Der Patient zeigte im Rahmen der ambulanten Nachsorge eine sehr gute funktionelle Erholung.
Trotz Dosiserhöhung und Verabreichung von fünf Medikamenten stieg sein Blutdruck allerdings nach der Entlassung wieder an und ließ sich nicht mehr senken.
Um einen sekundären Bluthochdruck auszuschließen, der durch eine andere Grunderkrankung verursacht wird, wurden erneut Untersuchungen durchgeführt.
Untersuchungen im Rahmen der ambulanten Nachsorge
- Ultraschalluntersuchung des Bauchraumes (Sonographie des Abdomens)
- Magnetresonanz-Angiographie (MR-Angiographie) der Nieren und des Bauchraumes
- 24-Stunden-Sammelurin-Untersuchung
- Bestimmung des Aldosteron-Spiegels im Plasma und des Renin-Aldosteron-Verhältnisses zur Abklärung eines therapieresistenten Bluthochdrucks
Befunde der ambulanten Nachsorge
Die Abklärung eines sekundären Bluthochdrucks ergab keine Nierenerkrankungen als zugrunde liegende Ursache. Es konnten lediglich einige wenige angeborene gutartige Zysten in der Leber gefunden werden. Die Tests auf sekundären Bluthochdruck waren also unauffällig.
Hoher Energy-Drink-Konsum: Ursache für Thalamusinfarkt und Bluthochdruck
Der Patient wurde erneut über seine Lebensgewohnheiten befragt. Dabei stellte sich heraus, dass er pro Tag durchschnittlich acht Dosen Energy-Drinks mit je 160 Milligramm Koffein zu sich nahm.
Das entspricht etwa dem Koffeingehalt von mehr als 14 Tassen Filterkaffee (je 150 ml) und 1,2 bis 1,3 Gramm Koffein. Zur Einordnung: Die empfohlene Tageshöchstmenge für Koffein entspricht mit 400 Milligramm nur etwa einem Drittel der konsumierten Menge.
Der Verzicht auf Energydrinks bewirkte Folgendes:
- Der Blutdruck normalisierte sich nach einer Woche bereits auf 120-130/80-84 mmHg, also einen alters- und geschlechtsentsprechenden Normalwert.
- Alle Medikamente konnten nach drei Wochen vollständig abgesetzt werden.
- Nach 6 Monaten hatte der Patient sich vollständig von seinem Schlaganfall erholt und konnte wieder normal arbeiten.
- Acht Jahre nach dem Schlaganfall und bei vollständigem Verzicht auf Energy-Drinks war der Blutdruck des Patienten immer noch im Normbereich und er hatte keinen erneuten Schlaganfall.
Schlussfolgerung
Energy-Drinks enthalten große Mengen Zucker und Säuerungsmittel, vor allem aber Koffein. Während ein Gehalt von 80 Milligramm Koffein pro 250 Milliliter dem Durchschnitt entspricht, können manche Energy-Drinks bis zu 500 Milligramm pro Portion enthalten.
Das Problem: Die angegebenen Mengen entsprechen oft nicht den tatsächlichen Mengen Koffein, da Energy-Drinks auch verstecktes Koffein enthalten.
Wissenschaftler nehmen an, dass die Wechselwirkung der anderen Inhaltsstoffe wie Taurin, Guarana, Ginseng und Glucuronolacton die Wirkung des Koffeins verstärkt.
Dadurch erhöhen Energy-Drinks mutmaßlich das Risiko für Schlaganfälle und weitere Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Über folgende Mechanismen könnten Energy-Drinks unter anderem zu einem erhöhten Schlaganfall-Risiko beitragen:
- Starke Erhöhung des Blutdrucks
- Schädigung der inneren Auskleidung der Blutgefäße (Endotheliale Dysfunktion)
- Förderung der Verklumpung von Blutplättchen und Bildung von Blutgerinnseln
- Verursachung einer unregelmäßigen Herztätigkeit (Arrhythmie)
Der Fallbericht hat gezeigt, dass der übermäßige Konsum von Energy-Drinks ernst zu nehmende gesundheitliche Folgen nach sich ziehen kann.
Ärztinnen und Ärzte, deren Patienten einen nicht erklärbaren Bluthochdruck haben, sollten den Konsum von Energy-Drinks als mögliche Ursache abklären und eine Aufklärung über die gesundheitlichen Risiken des Konsums in ihre Beratung einbeziehen.
Bei Vorliegen eines Schlaganfalls ohne erkennbare Ursachen ist es sinnvoll, auch ein zerebrales Vasokonstriktionssyndrom (RCVS) in Betracht zu ziehen und mögliche Risikofaktoren ausfindig zu machen.
Es ist wichtig, die gesundheitsgefährdende Wirkung von Energy-Drinks weiter zu erforschen und die Bevölkerung über mögliche Gesundheitsrisiken aufzuklären.

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Autoren
Dipl.-Biol. Claudia Helbig unter Mitarbeit von Prof. Dr. med. Hans Joachim von Büdingen
Claudia Helbig ist Diplom-Human- und Molekularbiologin und hat zuvor eine Ausbildung zur Arzthelferin absolviert. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Medizinischen Biochemie und Molekularbiologie hat sie Medizinstudenten in Pathobiochemie-Seminaren und Praktika betreut. Nach Ihrer Arbeit in der pharmazeutischen Forschung hat sie in einem Auftragsforschungsinstitut für klinische Studien unter anderem Visiten mit Studienteilnehmern zur Erhebung von Studiendaten durchgeführt und Texte für die Website verfasst. Mit ihrem interdisziplinären Hintergrund und ihrer Leidenschaft zu schreiben möchte sie naturwissenschaftliche Inhalte fachlich fundiert, empathisch und verständlich an Interessierte vermitteln. [mehr]
Quellen
- Energy-Drinks: Gesundheitsrisiko für Vieltrinker; Verbraucherzentrale NRW e. V. - Chefredaktion: Oliver Havlat (inhaltlich verantwortlich); (erstellt am 12.12.2025; abgerufen am 09.01.2026) - URL: https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/gesund-ernaehren/energy-drinks-gesundheitsrisiko-fuer-vieltrinker-11212
- Energy drinks, hypertension and stroke - Autoren: Martha Coyle, Sunil Munshi - Publikation: BMJ Case Reports. 2025 Dec; 18(12):e267441 - DOI: 10.1136/bcr-2025-267441
- Reversibles zerebrales Vasokonstriktionssyndrom: Eine seltene Schlaganfallursache - Autoren: Enrico Binaghi, Nadine Eube, Susanne Wegener, Anton Schmick - Publikation: Der Nervenarzt. 2024 Jun; 95(6):564-572


